Der Ölpreis ist nicht mehr der Nabel der Welt

Seit Jahrzehnten steckte sich die Weltwirtschaft im Würgegriffe eines immer weiter steigenden Ölpreises fest. Die erdölexportierenden Länder legten den Preis fest und füllten sich die Taschen. Mit der jüngsten weltweiten Pandemie änderte sich das Bild. Die Fördermengen und die Nachfrage gingen soweit zurück, dass für einige Staaten die Förderung nicht mehr wirtschaftlich ist. Der Journalist Andrej Starostin geht in seinem Artikel bei lb.ua der Frage nach, was hinter den Kulissen der OPEC geschah.

Im Ergebnis der Ereignisse vom 13. März wurde Rohöl der Sorte Brent mit 31,48 Dollar pro Barrel gehandelt. In der vorangegangenen Woche lag der Preis im Durchschnitt bei 32,75 Dollar pro Barrel. Die Mehrheit der Ölhändler geht aufgrund der Bemühungen des Kartells zur Reduzierung der Produktion von wieder steigenden Preisen aus.

Der Anstieg wird aber von den Beziehungen zwischen den USA und Mexiko bestimmt. Sie sind vielseitig und stabil, trotz der Migrationsbarriere in Form des Trump-Walls an der Grenze zwischen beiden Ländern. Man muss aber bedenken, dass Mexiko-Stadt und Washington bei der Öl-Förderung und Raffination eng zusammen arbeiten.

Worauf steht diese Allianz?

Die Grundlage bilden die breiten und für beide Seite vorteilhaften amerikanisch-mexikanischen Öl-Interessen. Sie bestimmen auch die Politik gegenüber dem Maduro-Regime in Venezuela. Die Regierungen in Mexiko-Stadt und Washington unterstützen einen friedlichen Machtwechsel in diesem Land.

Die Vereinigten Staaten sind von diesen und anderen gemeinsamen Zielen geleitet. Mexiko ist dabei kein Mitglied der OPEC. Neben der Russischen Föderation, Norwegen und dem Oman wird dieses Land nur als Ehrenbeobachter auf den Gipfeln des Kartells registriert. Keiner der vielen Versuche, Mexiko in die OPEC zu integrieren, war bisher erfolgreich. Zu einer erweiterten Gruppe des Kartells gehören die Russische Föderation, der Oman, Aserbaidschan, Kasachstan, Malaysia, Brunei, Bahrain, die Republik Südsudan und die Republik Sudan.

Bohrplattform im Meer

Bohrplattform im Meer (Quelle: Pixabay user: tpsdave)

Im Unterschied dieser Staaten sieht sich Mexiko in der Gruppe der unabhängigen Öl-Exporteure. Neben den USA, Kanada, Großbritannien, Norwegen und Australien. Bei den Prioritäten von Förderung, Logistik und Raffination hat der Rohstoffsektor nicht die besten Aussichten. Diese liegen eher auf dem Transport, den Raffinerien, der Petrochemie und dem Einzelhandel, wo ein höherer Mehrwert erzielt wird.

In Zeiten, in denen die Ölpreise sinken, steigt die durchschnittliche Effektivität der Branche. Das bedeutet andersherum auch, dass die Gewinne bei einem höheren Ölpreis geringer sind. Aus diesem Grund werden die Verbündeten der USA, Mexiko und Kanada, in grundlegenden kartellrechtlichen Angelegenheiten aktiv. Jahrzehntelang haben sie sich der Verschwörung der OPEC und des Kartells widersetzt. Zur selben Zeit befürworten Mexiko-Stadt und Ottawa ausschließlich die Preisbildung durch den Markt.

NOPEC: Druck durch die „Weiche Kraft“

Kartellabkommen vereinen Länder, die vom Export abhängig sind. Das heißt, die Märkte außerhalb entwickeln sich besser, wie der eigene Binnenmarkt. Weiter entwickelte und industrialisierte Export-Nationen mit einer ausgebauten Infrastruktur wenden die Kartellmechanismen ganz selbstverständlich gegen weniger entwickelte Staaten an. Eines davon ist das amerikanische Gesetz „No Oil Producing and Exporting Cartels Act“ (NOPEC).

Man empfiehlt den Entzug des Schutzes von Staatseigentum. wenn das jeweilige Land an einer Monopolverschwörung beteiligt ist. Die Drohung der US-Behörden, diese Regelungen in die Praxis umzusetzen, bedeutet für keinen Staat etwas Gutes. Als erstes wäre Mexiko bedroht. Im Falle eines Beitritts zur OPEC oder OPEC+, könnten die kartellrechtlichen Maßnahmen Washingtons gegen die mexikanische Wirtschaft katastrophale Folgen haben. Kein Politiker in Mexiko möchte nicht, dass das gesamte Öl des Landes in die USA fließt. Man bevorzugt aber nicht die direkten und etablierten Kanäle, sondern eher unkonventionelle exotische Kanäle.

Nicht katastrophale Folgen, aber tragische können auch auf das Königreich Saudi-Arabien zukommen. Genau gesagt geht es nicht um den Staat selber, sondern um das amerikanische Joint Venture Motiva Enterprises LLC. Das ist die führende ausländische Tochter des staatlichen saudischen Unternehmen Saudi Aramco, welches nicht im Öl-Sektor tätig ist. Das saudische Unternehmen ist auf dem amerikanischen Markt mit der Marke Shell vertreten.

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Die saudi-arabischen Vermögenswerte in den Vereinigten Staaten konzentrieren sich auf die Verarbeitung, sowie die Einzelhandels- und Vertriebsnetze. Selbst sanfter und diplomatischer Druck durch Anwendung der NOPEC kann für Saudi Aramco problematisch werden. Das Königreich muss große Anstrengungen unternehmen um diese Probleme in Zukunft zu umgehen. Zunächst muss man den Focus auf das Ende der Ideologie des ständigen Wachstums des Ölpreises in beliebigen Tempo richten, der von einer steigenden Nachfrage ja nicht gespiegelt wird.

Eine neue Preispolitik bei der Öl-Förderung, dem Hauptprodukt von Aramco, könnte auch zu einer Annäherung an andere Geschäftsbereiche führen. Das Unternehmen wären auch für ausländisches Kapital attraktiv. Und außerdem scheint auf Saudi Aramco mit dem Börsengang und der teilweisen Privatisierung ein langer Weg zu warten, der zu einer globalen amerikanischen „SuperMotiva Enterprises“ führen soll. Mit einen größerem Anteil an den Vertriebsnetzen, der Tankerflotte und den Raffinerien als heute.

Diese und viele andere Bemühungen werden letztendlich die Zusammenarbeit zwischen den Vereinigten Staaten und Saudi-Arabien auf ein ganz neues Niveau heben. In Bezug auf Mexiko ist die Bedrohung durch NOPEC eher als Einladung zum Dialog zur Lösung der Arbeits- und Migrationsprobleme zwischen den USA und Mexiko zu verstehen. Und aus Sich Saudi-Arabiens ist es ein Hinweis auf die mögliche Anwendung des NOPEC-Gesetzes. Und dies ist ein Aufruf zur Modernisierung der saudi-arabischen Wirtschaft, zur Aufgabe der Rohstoff-Förderung.

Druck auf die Russische Föderation

Kurz vor dem jüngsten Anti-Krisen-Gipfel der OPEC zeigte die russische Firma „Rosneft“ sehr deutlich, dass man mit den Vereinigten Staaten eine Konfrontation durch die Anwendung der NOPEC-Kartellkriterien anstrebe. Rosneft umging dabei die Interessen von Saudi-Arabien. Man beschloss, sein gesamtes Vermögen unter die Souveränität des Staates der Russischen Föderation zu stellen. Die Vermögenswerte wurden offiziell an die neue Firma RosZarubezhneft verkauft, die wiederum der russischen Regierung gehört.

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Einer der wichtigsten Vermögenswerte von „Rosneft“ in Venezuela, die staatliche Petróleos de Venezuela SA, hält ein Aktienpaket des amerikanische Öl-Riesen Citgo. Das Unternehmen besitzt etliche Raffinerien und Vertriebsnetze im Süden von Texas. Dieselbe Region ist die Ausgangsbasis für das gesamte amerikanische Geschäft von Saudi Motiva Enterprises.

Die Ausweitung des Geltungsbereiches des Rechts der Russischen Föderation auf die venezolanischen Vermögenswerte ist eine offene Provokation, die NOPEC-Gesetze anzuwenden. Dieser Vorfall ereignete sich Anfang März, noch bevor sich die Russische Föderation und Saudi-Arabien nicht auf Quoten zur Reduzierung der Produktion einigen konnten. Der damalige Versuch, die Quoten für die Förderung von Öl festzulegen und die Weltmarktpreise auf einem für die Russische Föderation akzeptablen Niveau zu halten, ist gescheitert. Sie sind vor dem Hintergrund, der undurchsichtigen Geschäfte der Russischen Föderation mit ihren venezolanischen Vermögenswerten in den USA.

In dem Artikel „Der Kreml hat für Venezuela kein Geld mehr“ wird näher beschrieben, wie sich Russland von seinen Vermögenswerten in Venezuela trennen möchte.

Einen Monat später, im März, war es nicht mehr möglich, die Ölpreise zu retten. Hinzu kam, dass die Nachfrage nach dem „Schwarzen Donnerstag“ ebenfalls eingebrochen ist. Wir müssen auch verstehen, dass wir aufgrund der Pandemie einen Zusammenbruch des globalen Dienstleistungssektors und des Personenverkehrs haben. Und eine große Summe wurde von den Finanzmärkten in krisensicherere Sektoren der Wirtschaft umgeschichtet.

Im April wurde es für Moskau noch undurchsichtiger. Und am Ende sahen wir die russischen Vertreter am Verhandlungstisch der OPEC+. Mitte April wurde ein nicht sehr stabiler Kompromiss zwischen Moskau und Riad gefunden. Er legte dieselben Quoten für die Russische Föderation und Saudi-Arabien fest. Aber auch hier war das Umfeld sehr angespannt. Die USA und Mexiko haben die Kartellbemühungen unerwartet erschwert.

Sie können natürlich glauben, dass die Verhandlungspartner sich auf Quoten einigen konnten, die nicht nur für die OPEC und die OPEC+ gelten, sondern auch für andere Exporteure akzeptabel sind. Aber wer kann schon garantieren, dass nicht die USA auf das Vorgehen Russlands in Venezuela bezüglich seiner Vermögenswerte reagiert, und das dreiseitige Abkommen zwischen Mexiko, den USA und der OPEC aufkündigt.

Heute kann niemand diese Garantien geben. Das bedeutet, dass es keine konkreten Gründe für einen signifikanten Anstieg des Ölpreises gibt.

Ein Artikel des Journalisten Andrej Starostin, der in russischer Sprache auf lb.ua veröffentlich wurde.