Die Deportation der Krimtataren – damals und heute

Die Übersetzung eines Interview mit Gulnara Bekirova, erschienen in Russisch auf segodnya.ua.

Der 18 Mai ist in der Ukraine der Tag des Gedenkens an die Opfer der Deportation der Krimtataren. Genau an diesem Tag im Jahr 1944 wurden auf Befehl des Verteidigungsministeriums die Krimtataren gewaltsam nach Usbekistan sowie die benachbarten Regionen in Kasachstan, Tadschikistan und Regionen und der RSFSR deportiert.

Im Interview mit der Seite »segodnya.ua« erzählte die Historikerin und Fernsehmoderatorin Gulnara Bekirowa darüber, das es in verschiedenen Perioden Repressionen gegen das krimtatarische Volk gegeben hat, weswegen sie unter Stalin nicht in ihre Heimat zurückkehren konnten und welche Taktik die russischen Besatzer heute anwenden.

Was ist aus Ihrer Sicht die Ursache für die Deportation der Krimtataren von der Krim?

Die Ursache liegt meiner Meinung nach in der Natur des totalitären Regimes unter Stalin. Wie allgemein bekannt ist, sind die allgemeinen Merkmale eines totalitären Regimes Massenrepressionen, Staatsterror, Diktatur einer Partei und Ideologie sowie die Missachtung der Rechte des Einzelnen und ganzer Völker.

Das macht das stalinistische Regime keine Ausnahme. Man hat ständig Schuldige gesucht und gefunden. n den verschiedenen Perioden waren die Schädlinge immer andere, »Kulaken«, »Nationalisten« oder »Parasiten« in der Produktion, irgendwelche Spione und seit den späten 1930 iger Jahren kamen noch unterschiedliche Nationalitäten ins Spiel. Ihnen konnte man die Misserfolge in der Landwirtschaft und der ökonomischen Entwicklung zuschreiben, wie auch die Verantwortung für Niederlagen im Krieg.

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Gründe und Rechtfertigungen für eine solche Politik hat man immer gefunden, manchmal waren sie sehr einfallsreich. Im Zusammenhang mit der Deportation der Krimtataren wurde die Verordnung GKO No5859ss (streng vertraulich) »Über die Krimtataren« am 11. Mai 1944 formuliert. Diese Verordnung des Staatlichen Verteidigungsausschusses beschuldigte zahlreiche Krimtataren des Verrats der Heimat, Desertion aus der Roten Armee, brutale Repressalien gegen sowjetische Partisanen, die Bildung eines nationalen tatarischen Komitees, Spionage für die Wehrmacht im Rücken der Roten Armee, Sabotage und andere sowjetische Horrorgeschichten jener Zeit. Die Krimtataren waren nur ein Volk der Sowjetunion, das während des Großen Vaterländischen Krieges aus seinem angestammten historischen Siedlungsgebiet vertrieben wurde.

Wurden auch Vertreter anderer ethnischer Gruppen der Krim deportiert und wie wurde das begründet?

In der Sowjetunion waren mehr als 6 Millionen Bürger verschiedener Nationalitäten von der Deportation betroffen. Es begann mit der Verfolgung der unteren Klassen (Kulaken, Kosaken), fand seine Fortsetzung in der Säuberung der grenznahen und frontnahen Regionen von »ausländischen« Bürgern (Polen, Deutschen, Koreaner, Chinesen, Kurden, Iraner, Griechen, Türken), die sowjetischen Deportationen erwiesen sich letztendlich als Instrument der Repression gegen »seine« Völker.

Deportationen, die von einem Staat durchgeführt werden, dienen als präventive, provokative Maßnahme um möglichen »Verrat« (wie bei der Vertreibung in den Jahren 1941 – 1942 sowjetischer Deutscher, Finnen, Rumänen, die die Behörden für potenzielle Nazi-Kollaborateure hielten), oder auch Maßnahme gegen Hochverrat (die Deportation der Jahre 1943 – 1944 – Karatschai, Kalmücken, Tschetschenen, Ingushes, Balkaren, Krimtataren, etc..). Es versteht sich, das die deportierten Völker diese unmenschliche Handlungen als ungerecht angesehen haben, bestenfalls als falsch.

Inwieweit ähneln sich die Politik der Sowjetunion und die Politik des Zarenreiches in Bezug auf die Krimtataren und wo unterscheiden sie sich?

Es gibt eine Ähnlichkeit, obwohl wir von verschiedenen Epochen sprechen. In der Mitte des 19. Jahrhunderts setze der Lokalhistoriker Feoktist Khartakhay in dem Artikel »Das historische Schicksal der Krimtataren« kurz nach der erzwungenen Emigration des krimtatarischen Volkes einen Schlusspunkt unter seine Geschichte auf der Krim: »Für uns ist wichtig, das nur die historische Rolle der Krimtataren bleiben wird«. Die Krimtataren wurden zur Masse, Hunderttausende wurden gezwungen die Halbinsel zu verlassen, obwohl sie ihr bitteres Los auf der Krim ohne Murren erduldet haben – Landlosigkeit und Mobbing durch russische Beamte.

Im Ergebnis stellen die Krimtataren die große Mehrheit der Bevölkerung vor dem Anschluss der Krim an Russland, 150 Jahre später registrierte man nur noch 1/4 der Bevölkerung. Was dem Regime des russischen Zaren nicht gelungen ist, hat das sowjetische Regime vollendet – im Jahr 1944 war die Krim vollständig gereinigt von seinen Ureinwohnern. Die sowjetischen Behörden hoffte, das es für immer sein.

Wohin hat man die Menschen gebracht? Wie waren die Lebensbedingungen, wie hoch die Sterblichkeitsrate auf dem Weg und vor Ort?

Nach Angaben des Büros für besondere Angelegenheiten des NKWD der Sowjetunion im November 1944 wurden von der Krim 193865 Krimtataren deportiert, 151136 nach Usbekistan, 8597 in die Marinsker ASSR, 4286 in die Kasachische SSR, währen die Übrigen »zur Arbeit« in die Verwaltungsbezirke Molotovskoj (10 555), Kemerowo (6 743), Gorky (5 095) Sverdlovsk (3 594), Ivanovo (2 800), Yaroslavl (1 059) der RSFSR verteilt wurden. Der Großteil der Krimtataren wurde nach Usbekistan deportiert.

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Die besonderen Umsiedler standen auf der Liste und waren verpflichtet sich bei Ankunft in der Kommandantur, den örtlichen Verwaltungen ihrer Verbannung, registrieren zu lassen. Viele Familien wurden durch die Deportationen auseinander gerissen, was das Leben in ihrer neuen Heimat in den ersten Jahren verkomplizierte. Der Umzug in ein anderes, selbst in ein benachbartes Viertel wurde nur genehmigt, wenn es eine Anfrage von einem nahen Verwandten vorlag. Das unerlaubte Verlassen des Verbannungsortes wurde das erste Mal mit fünf Tagen Arrest bestraft, das zweite Mal wurde als Wiederholung und Fluchtversuch gewertet, der mit 20 Jahren Haft bestraft wurde.

Das Leben der Deportierten war sehr schwer, die Sterblichkeitsrate sehr hoch. Nach Angeben des Büros für Spezial-Umsiedlungen des Usbekischen SSR starben in den ersten 18 Monaten der Deportation ungefähr 30000 Krimtataren, also ungefähr 20%. Die nationale Bewegung schätzt, dass die Zahlen doppelt so hoch ist.

Wie ist die sowjetische Propaganda mit der Deportation der Krimtataren umgegangen?

Der Propaganda-Apparat der Sowjetunion ist eines der wenigen Dinge, die ordnungsgemäß funktioniert haben. Um das kriminelle Vorgehen der Behörden zu rechtfertigen, wurde ein ganzer Industriezweig beschäftigt – Schriftsteller und Historiker. In riesigen Auflagen wurde pseudo-wissenschaftliche historische Werke, schöngeistige Literatur und Lehrbücher für Schulen und Hochschulen veröffentlicht. In all diesen Schriften wurden die Krimtataren als »Feinde«, Verräter«, »Abtrünnige« dargestellt, wurden sie in offiziellen Dokumenten die Vertreten der betroffenen ethnischen Gruppen als »wertlose Nationen« bezeichnet. Diese negativen ethnischen Stereotypen findet man heute leider immer noch.

Es ist bekannt, dass in der Sowjetunion verschiedene Volksgruppen deportiert wurden, nach dem Tode Stalins wurden einige rehabilitiert, durften in ihre Heimat zurückkehren und sogar ihre Republiken wieder aufbauen, anderen wurde das verweigert, unter anderem den Krimtataren. Warum?

Im Jahre 1956 hat die Führung der UdSSR differenzierte Entscheidung bei der Lösung des Problems der deportierten Völker getroffen, in dessen Ergebnis einigen gestattet wurde in ihre angestammten Siedlungsgebiete zurückzukehren, anderen wurde das verweigert. Praktisch alle nicht rehabilitierten Völker (Krimtataren, Deutsche, Türken und andere), denen man nicht gestattete, in ihre Heimat zurückzukehren, waren der Brutalität und der Täuschung durch die Behörden ausgesetzt. Warum ist es dazu gekommen? Bisher ist das nicht für jeden Fall vollständig geklärt. Im vorliegenden Fall ist bekannt, das die Führung der kommunistischen Partei der Ukraine (die Krim wurde 1954 an die Ukraine übergeben) und der Krim selber sich gegen die Rückkehr der Krimtataren gestellt hatte, gleichzeitig hatte die Regierung Usbekistans, wo sich der Großteil der Krimtataren aufhielt, nichts gegen den Verbleib in ihrer Republik.

Wie hat sich die Deportation auf das nationale Selbstbewusstsein der Krimtataren ausgewirkt?

Zwölf Jahre haben die Krimtataren unter den Bedingungen der Verbannung gelebt, gefolgt von einem jahrzehntelangen Kampf für die Rückkehr in ihre Heimat, das sind die bleibenden Faktoren des nationalen Selbstbewusstseins, die den Ethnos der Krimtataren weiter konsolidieren und zementieren. Genau in dieser Zeit erkannten die Krimtataren die Ursachen für ihr Unglück und legten das Fundament für die zukünftigen Aktivitäten de krimtatarischen nationalen Bewegung und seiner kompromisslosen Opposition gegenüber dem kommunistischen Regime.

Kann man sagen, dass in der Periode Ende der 1980 iger Jahre bis 2014 die Rückkehr des krimtatarischen Volkes auf die Krim abgeschlossen war?

Ich denke, es ist besser zu sagen, das ein bedeutender Teil des krimtatarischen Volkes in diesem Zeitraum aus eigener Kraft in die angestammt historische Heimat zurückkehren konnte. Aus verschiedenen Gründen, vorwiegend dem Fehlen der wirtschaftlichen Mittel, konnten bisher nicht sehr viele diesen Schritt gehen.

Wie würden Sie die aktuelle Politik des Okkupationregimes in Bezug auf die Krimtataren beschreiben?

Zunächst sah es so aus, als wäre es die klassische Politik »Butterbrot und Peitsche«, wenn die politische Loyalität mit dem »Butterbrot« erkauft und Widerstand mit der Peitsche unterdrückt wird. Aber dann kam es zu neuen Durchsuchungen, Festnahmen, Verhaftungen auf der Krim und es wird klar, das es jeden treffen kann, das sie zu allen kommen. Es gibt leider die Tendenz, die Ureinwohner von der Krim zu verdrängen …

Kann der Kreml Ihrer Meinung nach auf der Krim ein Klon der Medschils installieren um das krimtatarische Volk zu kontrollieren und nach Außen zu repräsentieren?

Man schon derartige Versuche unternommen und wird es immer wieder versuchen. Bishr war man nicht sehr erfolgreich, einen neuen nationalen Führer zu »ernennen«.

Im Februar 2018 hat die Seite »segodnya.ua« mit dem Vertreter der Regierung der tschetschenischen Republik Itschkeria Achmed Sakajew gesprochen, der zur Zeit in Großbritannien lebt und über die Operation »Lentil«, die Zwangsdeportation der Tschetschenen und Inguschen durch die sowjetischen Behörden erzählte.

Quellen und andere Artikel