Die Folgen der Hungersnot

Im Interview mit der »Volksarmee« – hat Valery Udovychenko über die Folgen der Hungersnot in der Ukraine gesprochen sowie über die Methoden Russlands im hybriden Krieg gegen die Ukraine. 

Er ist Autor des Buches »Genozid in der Ukraine in den Jahren 1932 – 1933, welches auf Materialien des Strafverfahrens Nr. 475« basiert,  Mitarbeiter des ukrainischen Geheimdienstes und verdienter Jurist.


Valery Nikolayevich, vor drei Jahren, während der dirigierten Unruhen, mit den Rufen des Volkes »Russland«, mit der Wahl des pro-russischen Gouverneurs und mit der Besetzung der Rathäuser wurden die Flammen des Krieges entfacht. Es ist offensichtlich, das die Ursachen viel tiefer liegen.

Auf unserem Gebiet tobt ein Jahrhunderte dauernder Kampf der ukrainischen Nation um ihre Existenz, um ihre Erde. Der Kampf wurde zwischen den mächtigen Staaten ausgetragen. Die Ukraine hat sich immer zwischen ihnen befunden. Die größte Gefahr ging immer vom russischen Imperium aus. Ebenso in jener Zeit begann die weiche und später die grausame Russifizierung der Ukrainer. Diese Politik wurde auch zu Zeiten der Sowjetunion fortgesetzt. Das führte zu den letztlich zu den erwähnten negativen Ereignissen des Jahres 2014. Natürlich unter der Fahne der Russischen Föderation und mit ihrer organisatorischen und militärischen Unterstützung.

Das heißt, dass eine historische Mine explodiert ist. Wer hat diese wann gelegt?

Um das Phänomen zu verstehen, müssen bis zum Jahre 1917 zurückgehen, bis zur Oktoberrevolution. Die Partei der Bolschewiki hat die Macht unter Führung von Lenin übernommen. Das bolschewistische Russland ging praktisch mit Beginn der ukrainischen Revolution, nach Ausrufung der Ukrainischen Volksrepublik UVR), zur Aggression über. Es gab drei verschiedene Feldzüge zur Eroberung der Ukraine. Die Ukrainische Volksrepublik wurde aufgelöst. Im Jahre 1919 wurde nicht Kiew, die Hauptstadt der UVR war, sondern Charkow von der neuen Sowjetregierung zur Hauptstadt der Ukraine erklärt. Die Kommunistische Partei Russlands gründete in der Ukraine einen Landesverband, die Kommunistische Partei der Ukraine. Sie unterstand direkt der Moskauer Führung und führte ihre Anweisungen aus.

Eine ähnliche Situation sahen wir 2014: Die Bildung von illegalen bewaffneten Banden mit Unterstützung Russlands und eine aggressive Vorgehensweise gegen die Souveränität der Ukraine.

Nach der Besetzung 1920 wurde auf dem Gebiet der Ukraine eine starke Armee aufgebaut, die das neue kommunistische Regime unterstützen sollte. Allerdings war diese zu schwach. In Anbetracht der Stärker der ukrainischen Widerstandsbewegung und der Einsicht, dass man den Konflikt nicht mit Gewalt beilegen kann, unterschrieb Lenin im Dezember 1920 einen Unions-Vertrag mit der sowjetischen Regierung der Ukraine, welcher die Unabhängigkeit der Ukrainischen sozialistischen Sowjetrepublik (USSR) anerkannte.

Zu der Zeit hat man eine Reihe von taktischen Zugeständnissen im national-kulturellen Bereich. Um die Bevölkerung zu gewinnen und ihre Macht zu festigen, haben die Bolschewiki ihre Macht in der ukrainischen Kultur verwurzelt. Die Ukrainisierung betraf nicht nur die Einführung der ukrainischen Sprache, sondern viele Bereiche des öffentlichen Lebens. Erinnern wir uns an Skripnik, Schunskij und andere, mit deren Hilfe die kulturelle Renaissance der Ukraine, und das europäische Modell möglich wurde. Die Ukraine entfernte sich immer weiter von der russischen Kulturnation. Man bewegte sich psychologisch immer weiter auf Europa zu und begründete sogar ein eigenes Bildungssystem, man entwickelte ein eigenes Wirtschaftskonzept, welches die Ukraine zu einem unabhängigen Organismus machte. Regierungsentscheidungen wurden auch auf Ukrainisch veröffentlicht, ukrainische Schulen eröffnet, neue ukrainische Zeitungen herausgegeben.

Eben in dieser Euphorie wuchs die Wirtschaft. Autorität und der Einfluss der ukrainischen Kirche wuchs. Die Ukrainisierung hat objektiv eine Welle der nationalen Erhebung ausgelöst, sie war Fortsetzung der Ukrainischen Nationalen Republik und des nationalen Befreiungskampfes. Die nationale Wiedergeburt der Ukraine beunruhigte die Kreml-Führung, die gezwungen war sich zurückzuziehen, aber die faktische Kontrolle der Ukraine nicht abschwächte und die Rache vorbereitete. Die Abschwächung hielt nicht lange an. Stalin hat in vollem Umfang die unmenschliche Politik Lenins umgesetzt, und vor allem begann er mit der Zwangskollektivierung, die zur Verarmung der Landbevölkerung führte.

Man kann am Beispiel der Ukraine sehr gut sehen, das die Zwangskollektivierung in die Katastrophe führt.

Es kam zu Aufständen, Massenunruhen gegen die Sowjetregierung und die Politik Moskaus. In einem Schriftwechsel mit Kaganowitsch schrieb einem Führer der Partei der Bolschewiki, das es durchaus möglich ist, das man die Ukraine verliert. Das war durchaus realistisch. Im Jahr 1930 hat es in der Ukraine mehr als 4000 Bauernaufstände gegeben. Die Regierung in Moskau antwortete mit Repressionen und Gewalt, um die Aufstände niederzuschlagen.

Konkret hat man Spezialoperationen durchgeführt und jene politische Technologie angewendet, die zu der großen Hungersnot in der Ukraine geführt hat. Im Verlaufe der Operation wurden viele Millionen unschuldiger Menschen ermordet und das Selbstbewusstsein der Bevölkerung gebrochen.

Damit war die Ukrainisierung beendet und die Russifizierung begann mit großem Tempo. Unter den Losungen, gegen das ukrainische bürgerliche Nationalisten vorzugehen, hat man die ukrainische Intelligenz mit Repressalien überzogen und Säuberungsaktionen unter den ukrainischen Kommunisten durchgeführt. In Osten der Ukraine, wo viele Häuser durch die Hungersnot leer standen, schickte man Menschen aus Russland und Weißrussland. Diese Flüchtlinge waren keine Ukrainer.

So verlief die Verdrängung der ukrainischen Bevölkerung, die Assimilation, die weitere Russifizierung des Donbass und anderer Regionen.

Gibt es offizielle Zahlen, wie viele Russen damals in die Ukraine gekommen sind?

In die Region Donezk ein paar Hunderttausend. Dadurch wurde vor allem der Einfluss in den russischsprachigen Städten vergrößert. Das wurde auch durch die industrielle Entwicklung begünstigt, die immer mehr Arbeitskräfte benötigte. Die russische Bevölkerungsgruppe ist hier am stärksten, auch im Vergleich mit anderen Regionen des Donbass.

Es ist kein Wunder, das die Bewohner der Ostukraine so schnell den Ideen des russischen Projektes »Neurussland« gefolgt sind. Welche Personen haben »russkij mir« besonders unterstützt?

Die größten Befürworter der russischen Ideen waren die Kommunistische Partei der Ukraine (KPU) und die Partei der Regionen. Mitglieder dieser Parteien haben auch das illegale Referendum auf der Krim und in der LDNR organisiert. Sie bilden auch den Kern der terroristischen Gruppierung, welche aus Russland geführt und finanziert wird. Gegen diese Personen kämpften ukrainische Soldaten im Osten der Ukraine, als die ATO begann. Diese Fakten wurden in zahlreichen Strafprozessen bewiesen.

Ein Beispiel: Der Sekretär des Stadtrates von Lugansk, Mitglied des Stadtrates der KPU, Winnick hat im Jahr 2014 die Gründung der LNR unterstützt und Putin in einem offenen Brief um die Entsendung russischer Truppen in die Ukraine gebeten. Der Einfluss Russlands war sehr groß, viele Menschen waren viele Jahre der russischen Propaganda ausgesetzt und identifizierten sich nicht national und kulturell mit ihr, sondern auch ideologisch. In der LDNR sind auch heute noch die Attribute der Kommunistischen Partei und ihrer Ideologie präsent und beeinflusst erneut die junge Generation. Der Engagement Russlands, die hybride Aggression, zielt auf einen Machtwechsel in Kiew ab. Die Propaganda wird verstärkt und nimmt neue Formen an.

Im Jahr 2009 haben Sie eine Untersuchungskommission des Stabes des SBU geleitet und die Ereignisse der Jahre 1932-1933 aus strafrechtlicher Sicht untersucht und zur Anklage gebracht. Wie ist das ausgegangen?

Das Gericht in Kiew hat nach Abschluss des Strafverfahrens die Ergebnisse der Voruntersuchung bestätigt. Es stellte fest, dass der Genozid gegen die ukrainische Bevölkerung in den Jahren 1932 – 1933 eine Straftat war. Laut dem Gericht waren die Hauptverantwortlichen: Stalin, Molotow, Khatayevich, Kaganowitsch, Kosior, Tschubar und Postyschew. Auf die Frage, warum man zum Mittel des Massenmordes gegriffen hat, hat das Gericht festgestellt: Ziel war es die nationale Befreiungsbewegung und den Wunsch nach einem freien und unabhängigen ukrainischen Staat zu unterdrücken. So wurde der Holodomor das Erste mal in der Geschichte der Ukraine von einem anerkannten staatlichen Gericht untersucht und in einen rechtskräftigem Urteil als Verbrechen bezeichnet. Unser Staat hat seine Verpflichtungen gemäß der UNO Konvention von 1948 (Anm: »Übereinkommen über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes« vom 9.12.1948) und dem Artikel 9 der Verfassung der Ukraine erfüllt.

Das Urteil stammt von 2010. Warum wurde die Entscheidung nicht allgemein bekannt? Warum hat sie nicht den Weg in die Schulbücher gefunden?

Weil es Widerstand gab. Das Urteil wurde am Vorabend der Präsidentschaftswahlen 2010 gefällt, die Janukowitsch für sich entschieden hat. In Strasbourg hat er anschließend den Holodomor als Genozid eines einzelnen Volkes geleugnet: »Das war eine große Tragödie der Völker der UdSSR«. Seine Rhetorik entsprach der politischen Linie des Kreml, das Verbrechen des Genozids zu leugnen. Und das unabhängig davon, dass wir alle Faktoren des Holodomors aufgedeckt haben.

Wir haben die nachgewiesen, das das Verbrechen von der Führung in Moskau und ihren ukrainischen Helfern geplant und ausgeführt wurde.

Viele Dokumente und Zeugenaussagen zeigen, dass die Hungersnot künstlich herbeigeführt wurde und der Hunger gezielt als biologische Waffe gegen di ukrainische nationale Gruppe eingesetzt wurde. Es war ein Zusammenwirken verschiedener Maßnahmen, wie dem Abtransport von Lebensmittel, von Getreide, Massenrepressionen und Hinrichtungen. Die Pläne wurden von bewaffneten Einheiten der Roten Armee, der Grenztruppen und des NKWD umgesetzt, die auch das Gebiet abriegelten. Es wurde auch festgehalten, wie viele Menschen umgekommen sind und wessen Befehle ausgeführt wurden …

Die damalige Regierung unterstütze Russland, in dem man versuchte, das Vorgehen der Regierung Stalins zu rechtfertigen. Man behauptend, dass sich die Maßnahmen gegen die Bauern richteten und nicht gegen das ukrainische Volk. Demnach war es kein Genozid. Die Fakten sagen etwas anderes: In den Jahren 1932-1933 waren 78 % der Bevölkerung der Ukraine Bauern, 81 % von ihnen Ukrainer.

Stalin sagte selber: »Die Entscheidung der nationalen Frage der Ukraine – das ist die Entscheidung der Bauernfrage«.

Die Gründung einer Ukrainischen Nationen, vom Namen her, können nur Ukrainer leisten. Daher fürchtet man sie am meisten. Die politische Führung und der NKWD wahren überzeugt, dass ein Aufstand vorbereitet wurde. An den Aufständen haben mehr als 1,2 Mio Ukrainer teilgenommen. Insgesamt waren es über 2 Mio Menschen, die auf dem von der Bolschewiki kontrollierten Gebieten, Widerstand leisteten. Daher wird klar, warum man den massiven Schlag, mit Hunger und Repressionen, gegen die kompakten Siedlungsgebiete der ethnischen Ukrainer ausführte. Ja, es sind auch Angehörige anderer Volksgruppen ums Leben gekommen, aber die absolute Mehrheit waren Ukrainer. Ungeachtet dessen verfolgte Janukowitsch hartnäckig seine Linie. Als Vorsitzender des Instituts für Nationales Gedenken wurde der Kommunist Sodatenko ernannt. Er unterstützt pflichtbeflissen die Position des Kreml, welche die Verbrechen Stalins leugnet.

Auf Befehl des damaligen Bildungsministers Tabatschkin wurden die erwiesen Fakten und das Urteil des Gerichtes nicht in die neuen Lehrbücher zur Geschichte der Ukraine aufgenommen.

Es ist in der heutigen Zeit nicht mehr möglich, die rechtliche Bewertung des Holodomors zu ignorieren. Das wäre ungefähr so, als würde man die Bedeutung der Nürnberger Prozesse als Fundament der rechtlichen Bewertung des Nationalsozialismus in Frage stellen. Es muss hinzugefügt werden, dass die Lehrbücher des Bildungsministeriums den Holodomor als tragisches Ereignis darstellen mussten. Eine Betrachtung der rechtlichen Aspekte fand nicht statt. Das Bildungsministerium hat angekündigt dies in naher Zukunft zu ändern.

Der erste, der über die wahren Hintergründe des Holodomor in der Ukraine berichtete, war der englische Journalist Harry Johnson. Erst danach wurde die ukrainische Tragödie als klassischer sowjetischer Genozid anerkannt. Dieser Begriff wurde schon 1953 von dem Autor Rafael Lemkin in New York geprägt. Die UdSSR hat beharrlich den Holodomor abgestritten. Heute macht dies die Russische Föderation…

Zu Zeiten der Sowjetunion wurden alles zurückgehalten. Daher war es sehr einfach, die Wahrheit zu verbergen. Jeder, der darüber etwas veröffentlichen wollte, wurde von der kommunistischen Partei mit Repressalien belegt. Das heutige russische Regime versucht auch, die Verbreitung von Informationen über den Holodomor zu behindern. Es ist durchaus so, dass die Wahrheit das Fundament der imperialen Politik bedroht und die Position der anti-ukrainischen Kräfte, der fünften Kolone, schwächt.

Es ist kein Zufall, dass während der ersten Unruhen 2014 in Donezk das Gedenkbuch an die Opfer des Holodomor in der Ukraine öffentlich verbrannt wurde. Das russische Etablissement – Regierung und Politik – betrachtet die Ukraine als einen Teil Russlands mit einem gemeinsamen Schicksal, einer gemeinsamen Geschichte, mit Recht Teile davon zu verleugnen. In Russland gibt es kein gesellschaftliches Unrechtsbewusstsein, sondern nur eine Verehrung der Gewalt. Mit dem Beginn des Widerstandes der Ukraine gegen die Aggressionen Russlands hat sich vor unseren Augen die Politik Russlands in eine totalitäre militärische Desinformationskampagne gewandelt, der wir unbedingt widerstehen müssen.

2014 haben Sie in den befreiten Gebieten der Regionen Donezk und Luhansk, in Bahmut (früher Artemivsk), im sklavischen Sewerodonezk, Pokrowski (Krasnoarmeysk) und Kramatorsk. Es wurden Dokumente des Gerichtsverfahrens gezeigt. Wie haben die Bewohner reagiert?

Die Menschen haben sich dafür interessiert. Viele haben ihre Emotionen offen gezeigt. Die Besucher haben viele Frage gestellt. Für mich ist die wichtigste Schlussfolgerung, dass die Menschen, die der aggressiven russischen Propaganda ausgesetzt waren, beginnen Falschmeldungen von Fakten zu unterscheiden. Das ist sehr wichtig, wenn man nicht noch einmal in eine historische Grube fallen möchte, in der eine Bombe explodiert. Das Interview führten Ruslan Tkachuk und Elena Kruglenija, „Volksarmee

Quellen:

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