Die Ukraine schuldet Russland nichts: Das Land hat der Aggression standgehalten seinen Zustand bewiesen

Der Sieg der Kiewer Revolution um den 20. Februar 2014 markierte die endgültige Loslösung der Ukraine von Russland und wurde zu einem der wichtigsten Ereignis des 21. Jahrhunderts.

Der offizielle Zerfall der Sowjetunion wurde in den beiden Ländern in vielerlei Hinsicht als formales Ereignis wahrgenommen. Es war tatsächlich so. Die offenen Grenzen, die enge Verflechtung der Volkswirtschaften, die allgemeine Arbeitsmigration von der Ukraine nach Russland, die sehr enge und verwischte Kommunikation der Führungsebenen lies bei der Bevölkerung den Eindruck entstehen, dass das gemeinsame Leben als Supermacht, trotz aller rituellen Unterscheidungen, unverändert weitergeht – schreibt Sergey Shelin auf den Seiten von Rosbalt.

Die heutige Ukraine ist ein armer aber überlebensfähiger Staat, der seine Fähigkeit in den vergangenen fünf Jahren unter Beweis gestellt hat, ohne Russland zu leben. Die zwischenmenschlichen Beziehungen sind von Grund auf geschwächt. Die wirtschaftliche Abhängigkeit von der Russischen Föderation beträgt heute noch ein Achtel des Handelsvolumens. Das ist ungefähr so viel, wie bei Litauen.

Gleichzeitig wächst die ukrainische Wirtschaft das vierte Jahr in Folge. Ziemlich langsam, aber immer noch Schneller als bei uns. Der Haupt-Strom der Gastarbeiter wechseln seine Richtung, von Ost nach West. Die ukrainische Armee, die entlang der zweitausend Kilometer langen Grenze zu Russland steht, ist nicht extrem stark, aber fähig genug. Und es gibt nicht die geringsten Anzeichen, dass sie die Waffen fallenlässt und weglaufen wird.

Kurz gesagt, die Ukrainer sind weg und leben ihr Leben. Und die Tatsache, dass sie in unserem Land nicht grundsätzlich wie andere ehemalige „kleine Brüder“, wie zum Beispiel Polen, Litauer oder Bulgaren, behandelt werden, bedarf einer Erklärung.

Die einfachste Erklärung wäre die Wirkung unserer Propaganda. Witze darüber, dass die russischen Fernsehsender nicht in Russland ausgestrahlt werden, sind schon Pflicht. Aber viele, die darüber Witze machen, beschäftigen sich mit ukrainischen Angelegenheiten weniger, als die die Eliten.

Nach dem Weltbild unserer Führer treten die Ukrainer, die sich bewusst für die Unabhängigkeit entschieden haben, an die Stelle der Hauptverräter. Ein Verräter ist in ihrem Verständnis schlimmer als jeder Feind. Ich erzähle ihn ein Geheimnis: Meiner Meinung nach ist Verrat schwieriger zu vergeben als Feindschaft. Aber die nationale Unabhängigkeit ist kein Verrat. Das ist das Recht einer Nation, wenn sie sich dafür entscheidet.

Nur die russische Elite und die Mehrheit der unserer Mitbürger will das nicht verstehen. Den Bewohnern des Imperiums erscheint es so, als ob ein Teil der ehemals kaiserlichen Untertanen, darunter auch viele ethnischen Großrussen, sich als ukrainische Zivilisation betrachtete und ins freie Schwimmen ging. Dann ist es Verrat, auf das gemeinsame frühere Schicksal zu verzichten.

An diesem Punkt denken höhere Klassen und das einfache Volk der gewöhnlichen Russen ziemlich ähnlich, obwohl sie sich nicht mögen und respektieren. In sogenannten öffentlichen Meinungsumfragen nimmt die Ukraine den Platz des schlimmsten Feindes Russlands ein, gleichauf mit den Vereinigten Staaten. Wenn es keine Aufstachelung durch Propaganda gäbe, würden sich unsere Mitbürger um dieses Land weniger Sorgen machen, würden aber genau so nachdenken.

Und das ist nicht der erste Fall. In den 1990-iger Jahren war unser winziges Estland der Gegenstand einer ziemlich langen und starken Empörung. Und aus genau denselben Gründen. Die Wiedergeburt des Nationalstaates sah so unverständlich und falsch aus, wie jetzt der ukrainische.

Alles, was in Estland passiert ist, wurde auf einen zügellosen ethnischen Nationalismus reduziert, und das zivile Engagement, welche das Land letztendlich aufbauten, konnten den Nationalismus letztendlich befrieden, wurden nicht aus der Nähe betrachtet. Im Laufe der Jahre hat das Verständnis nicht zugenommen, aber die Wut ist versiegt. Die Ukraine dreißig mal größer als Estland und wurde eine lange Zeit als ein seltsamer Teil Russlands betrachtet. Die Leidenschaft ist also um einiges größer.

Im Unterschied zur Ober- und Unterschicht erleben unsere intellektuellen Kreise bei ukrainischen Anlässen komplexere Gefühle. Aber meistens entstehen diese Emotionen auf den gleichen imperialen Nährboden.

Der sachkundigste von ihnen wird Ihnen erklären, dass die Teilung der Staaten in Nationen und Imperien längst überholt und in der westlichen Politikwissenschaft nicht mehr aktuell ist. Obwohl, bei allem Respekt vor Mode-Erscheinungen, sich die Nationalstaaten in Mittel- und Osteuropa in den vergangenen dreißig Jahren durchgesetzt haben. Das ist die Wiedervereinigung Deutschlands. Das ist der Zerfall Jugoslawiens und der Tschechoslowakei. Das ist die Entstehung nationaler Regierungen in den ehemaligen Satellitenstaaten der UdSSR und einigen ehemaligen Unionsrepubliken. Es gibt keine Modeworte, die diese Ereignisse ungeschehen machen können.

Und andere unserer Vordenker argumentieren, dass die Ukraine stumpf und unkompliziert sei und und kein gutes Beispiel für Russland sein kann. Genau so wie seine wirtschaftlichen Schwächen und die Korruption und Steuerbetrug der lokalen Eliten nur unser Misstrauen in die reaktionären Schichten verstärken.

Vor über fünf Jahren, einen Monat vor dem Sieg der Kiewer Revolution, musste ich über dieses Phänomen schreiben: „Bei all dem verständlichen Interesse unserer Gesellschaft an der Krise in der Ukraine ist diese Aufmerksamkeit schädlich. Das ist der Leidenschaft von Fans sehr ähnlich, welche sich als Teilnehmer des Kampfes sehen, den sie sich nur von der Seitenlinie ansehen. Die angebliche Mittäterschaft bringt sehr vereinfachte Erwartungen bezüglich der Auswirkungen der ukrainischen Ereignisse auf Russland mit sich.“

Die Jahre vergehen, die begeisterten Antworten wurden durch scharfe Vorwürfe ersetzt. Und dieselben Menschen könne immer noch nicht ihr Leben von dem eines anderen trennen, dass jemand aus der Ferne beeinflusst und man selber keinen Einfluss hat. Hat die ukrainische Wirtschaft die russische Wirtschaft überholt? Immerhin haben die polnische und estnische Wirtschaft sie überholt. Und was hat sich bei uns geändert? Sind die ukrainischen Eliten schlecht? Ja, so ähnlich. Aber ist er schlimmer als bei uns? Der Gewinner der Präsidentschaftswahlen ist nicht vorher bekannt. Aus irgend einem Grund macht das unser politisches System nicht besser.

Und das Wichtigste ist, dass die Ukraine uns zu nichts verpflichtet ist, nicht im Guten, nicht im Schlechten. Das ist ein anderes Land. Es lebt mit seinem Gest für sich selbst, nicht für uns. Ich glaube nicht, dass die fünf Jahre ohne Russland für sie eine verlorene Zeit sind. Aber das müssen die Bürger für sich selber entscheiden.

Aber können die Russen von sich sagen, dass sich in den fünf Jahren ohne die Ukraine zumindest ihre Einstellung verändert hat? Haben sie gelernt, sich nicht auf die Ukraine zu verlassen? Haben Sie uns geholfen, uns als bürgerliche Nation zu fühlen – zumindest tief im Inneren? Es wäre nicht schlecht, aber ich bezweifele es. Aber eines hat sich zum Besseren verändert. Die Menschen sind der Feindseligkeiten überdrüssig. Die Menschen haben es satt, dass ihre alltäglichen Probleme dadurch verdrängt werden. Und nur die höchsten Gesichter sind unermüdlich. Für sie ist das Imperium alternativlos.

Sergey Shelin, „Rosbalt

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