Falschmeldungen – die Bedrohung durch verdeckte Kommunikation

Eine Übersetzung der Artikels von Vyacheslav Gusarov veröffentlicht auf sprotyv.info.

Trotz der Tatsache, dass Gerüchte (oder Falschmeldungen / Fake News) eines der ältesten Instrumente der Beeinflussung sind, sind sie zu Unrecht in Vergessenheit geraten. Bei den heutigen Informations-Möglichkeiten schein der Anteil gering zu sein, oder zu primitiv.

Die heutige Gesellschaft nutzt moderne Informationstechnologien, wie zum Beispiel die Presse, Fernsehen oder das Internet. Gerüchte werden als Relikt vergangener Zeiten wahrgenommen. Aber das ist bei weitem nicht so.

Gerüchte sind ein Bestandteil der Kommunikation in der Gesellschaft. Sie sind eng verbunden mit den Bedürfnissen und Erwartungen der Zuhörer.

Wir werden oft Zeuge davon, das Menschen leicht ihrem Gesprächspartner glauben, oder Vertretern des öffentlichen Lebens oder Rednern, welche Gerüchte in ihren Interessen nutzen.

Gerüchte können zum Beispiel spontan während Naturkatastrophen, Epidemien, Kriegen, Revolutionen entstehen. Oder sie können künstlich, planmäßig und gezielt eingesetzt werden, um die gesellschaftliche Meinungsbildung zu beeinflussen.

Das Interesse der Informationstechnologen gilt vorwiegende den gesteuerten Gerüchten. Diese können eine gesellschaftliche Bedrohung darstellen, wenn sie Massenunruhen hervorrufen, wenn sie die Massen aus dem sozialen Gleichgewicht bringen oder Trotzreaktionen gegenüber den Behörden hervorrufen.

Gesteuerte Gerüchte

Es ist beruhigend, zu lesen, das Gerüchte ein besonderer Informationstyp mit einer undefinierten Zuverlässigkeit, welcher überwiegend über informelle Kanäle verbreitet wird.

Gesteuert Gerüchte werden im Verborgenen erstellt und verbreitet. Die Organisation einzelner Ereignisse unterscheidet sich kaum von anderen Informations-Operationen. Ihr Hauptziel besteht darin, das sie für eine bestimmte Zielgruppe unerkannt bleibt.

Gerüchte werde schon seit Jahrtausenden eingesetzt.

Zum Beispiel Hannibal (3-2 Jh. BC) verbreitete meisterhaft Gerüchte über der Zustand seiner Armee, das seine Krieger an unbekannten Krankheiten leiden. Die Römer glaubten, dass sie sich weit entfernt von diesen Krankheiten erholen und genesen. Derweil befanden sich die Legionen drei Tagesmärsche von Tarent entfernt. Mit diesem Manöver gelang es Hannibal, die Stadt überraschend einzunehmen. In einer anderen Situation ließ Hannibal Gerüchte über die ungeheurere Zerstörungskraft einer neuen Waffe der Karthager verbreiten. Das hat auch zur Demoralisierung der Römer beigetragen.

Vrbreitung von Gerüchten

Quelle: Pixabay.com user: succo

… oder nehmen wir das Jahr 1943, als die deutschen Streitkräfte vor Stalingrad eine Niederlage erlitten haben, hat die Führung Deutschlands ähnliche Methoden angewendet. Der Propaganda-Minister Josef Göbels ordnete an, die Misserfolge der Streitkräfte nicht zu veröffentlichen. Stattdessen wurden Gerüchte über neue deutsche Maschinengewehre für Panzer in Stalingrad verbreitet. Nach den Daten, die in den Zeitungen jener Zeit veröffentlicht wurden, konnten diese Maschinenkanonen sechs geschossige Häuser in Schutt und Asche legen. In anderen »Neuigkeiten« Göbels wurde das Gerücht über neue Maschinengewehre für die Soldaten der Wehrmacht verbreitet, die eine Schussgeschwindigkeit von 3000 Schuss pro Minute hätten.

… oder nehmen wir die 1980 iger Jahre. Während des Krieges der Sowjetunion in Afghanistan erhielt die sowjetische Aufklärung Informationen, dass die Bevölkerung zahlreiche »Stinger«-Raketen versteckt. Das musste unbedingt überprüft werden. So wurde das Gerücht in die Welt gesetzt, das die sowjetische Kommandantur einige Million Afghani (Währung) erhielt, um der Bevölkerung die mobilen Luftabwehrraketen abzukaufen. Das Geld brachten sie schneller als gedacht. Über 20 Personen wollten dem Staat ihre »Stinger«-Raketen verkaufen. Schon eine Woche später kamen Nomaden in das Provinzkomitee und wollten ihre »Stinger« verkaufen.

… oder die jüngsten Ereignisse in der Ukraine:

Februar 2014 – ein »unbekannter Geistlicher« erzählte den Menschen auf dem Maidan, das Russland aus dem Kiewer Höhlenkloster wertvolle und heilige Gegenstände abtransportieren lässt. Eine große Menschengruppe machte sich auf zum Höhlenkloster, organisierte die Wachen und wollte so den Abtransport verhindern. Der Metropolit des Klosters kam zu den Vertretern der Selbstverteidigung und teilte ihnen mit, das niemand etwas abtransportiert, das alle Sachen an ihren Plätzen seien;

Februar 2014 – unter den Protestierenden auf dem Maidan wurden Gerüchte verbreitete, das Kiew von der Armee eingeschlossen werden soll, das die Brücken über den Dnjepr geschlossen vom Militär geschlossen werden. Laut Mitteilung der Stadtverwaltung war die Schließung der Brücken nicht geplant, das war ein provokatorisches Gerücht.

März 2014 – der Menschenrechtler Michail Lebed verbreitete das Gerücht über den Tod von Viktor Janukowitsch im kardiologischen Zentrum von Rostow am Don;

April 2014 – die Krankenschwester und Aktivisten des Maidan Natalja Polichchuk sagte, dass ungefähr 300 Personen, welche in Krankenhäusern und anderen medizinischen Einrichtungen gingen, in das Krematorium gebracht und verbrannt wurden;

April 2014 – der Aktivist der »Such Initiative Maidan« Taras Matviyiv hat mitgeteilt, das unter den Kämpfern der 13. Hundertschaft Gerüchte gestreut werden, dass auf dem Maidan vier unbekannte Leichen gefunden wurden und das es auf dem Kiewer Nordfriedhof zahlreiche namenlose Gräber gäbe;

April 2014 – es werden Gerüchte verbreitet, das die russischen Streitkräfte am 9. Mai mit einem Angriff auf die Ukraine beginnen.

Aber auch heute sind die Gerüchte in der Ukraine nicht weniger geworden. Im Unterschied zu früher sind sie auf maximale gesellschaftliche Resonanz ausgelegt. So werden zum Beispiel »Ideen« über «Maidan Steuer«, «Abschaltung von Strom und Wärmeversorgung im Winter«, «Aussetzen der Demobilisierung aus der ATO und der Beginn einer eigenen Offensive«, «Die Abwertung des Hriwna« und vieles mehr immer beliebter. Heute hat man diese Gerüchte aus der mündlichen Form praktisch vollständig auf die Massenmedien übertragen, sie sind allgemeines Gesprächsthema.

Bedingungen für die Entstehung von Gerüchten

Die wesentliche Regel zur Entstehung von Gerüchten kann man als ein Axiom betrachten: »Wo die Medien schweigen, entstehen Gerüchte«. Mit anderen Worten, wenn die Zielgruppe Informationen zu einem bestimmten Thema nachfragt, das die Medien nicht bedienen, entstehen sehr schnelle Gerüchte, die diese Nachfrage bedienen.

Im Allgemeinen kann man sagen, dass jedes Gerücht keinen offiziellen Charakter hat. Es entspricht dem Informationsbedürfnis und Erwartungen seiner Autoren. Es kann sich den entsprechenden Bedingungen anpassen, Es funktioniert real und virtuelle. Es ist auch hartnäckig gegenüber anderen kommunikativen Mitteln.

Eine wichtige Voraussetzung für Gerüchte ist das Zusammenspiel von Intrigen und Angst (Suche nach Sicherheit).

Wesentliche Faktoren, die den Prozess beschleunigen, sind die Überflutung mit Informationen, Bashing der Massenmedien, asymmetrische Informationen, erstellen einer »Agenda« für die politischen und ökonomischen Eliten und andere.

In jedem Fall durchläuft das gesteuerte Gerücht die folgenden Etappen:

  1. Ideenfindung und Ableitung der These. Das gesteuerte Gerücht kann fernab der vorgesehenen Region, der eigentlichen Zielgruppe entstehen.
  2. Umsetzung des Gerüchtes. In Abhängigkeit der zu lösenden Aufgabe kann die These des Gerüchtes einfach (einfache Gerüchte) oder komplex (schwierige Gerüchte) sein. Auch die Verbreitung kann in verschiedenen Schritten erfolgen. Schwierige Gerüchte können mehrere Fakten enthalten und verbreiten sich in einer bestimmten Zeit. Schwierige Gerüchte werden selten während irgendwelcher Aktionen / Kampagnen verbreitet.
  3. Die Veränderung des Auditoriums bei der Verbreitung von Gerüchten und Bildung der
    gewünschten öffentlichen Meinung.
    In dem Fall wendet man ein breites Spektrum an Kommunikationsmethoden und Mitteln an, vom persönlichen Gespräch bis hin zu Internet-Technologien.
  4. Die maximale Ausbreitung und Wirkung sind auch Ziele des gesteuerten Gerüchtes. Für die gesamte Zielgruppe werden die zu erwartenden sozialpsychologischen Effekte festgelegt, die Einwicklung der allgemeinen Stimmung, eventuelle Abweichungen, die allgemeine psychologische Stimmung und vieles mehr;
  5. Die Entfaltung des Gerüchtes, als Ergebnis der Einwirkung auf die Zielgruppe mit den programmierten Gedanken.

Eine Besonderheit bei der Arbeit mit Gerüchten ist deren Anwendung in einer Gesellschaft mit »verbotenen Themen« und Zensur, wie es für totalitäre und autokratische Systeme typisch ist. In diesem Umfeld haben echte Gerüchte der Selbstverbreitung als Folge des berechtigten Interesses seiner Zielgruppe. So kann man auch gesteuerte Gerüchte verbreiten. In der Praxis kommt das aber selten vor.

Der Umgang mit gesteuerten Gerüchten in der Ukraine

Unter den Bedingungen des Informationskrieges, den Russlands gegen die die Ukraine führt, haben gesteuerte Gerüchte ihre Aktualität als Instrument des Informationskrieges nicht verloren. Es besteht heute nur ein Unterschied im Umgang mit der Problematik der gesteuerten Gerüchte.

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user: zstupar

Russische Spezialisten haben zum Beispiel sehr lange die Technologie der Verbreitung gesteuerter Gerüchte untersucht. Neben einer Reihe von militärischen Forschungseinrichtungen untersuchte auch eine Abteilung der Gesellschafts-wissenschaften des Russischen Fonds für Grundlagenforschung (RFFI) mit diesem Thema. Es eine Arbeit mit dem Titel: »Informelle Kommunikation (Gerüchte) als Quelle der informellen Bedrohung: regionale Besonderheiten beim Einsatz dieser gesteuerten Technologie« (Projekt № 10-03-38320). Die RFFI ist eine der finanzierten staatlich finanzierte Organisation, die von der russischen Regierung gegründet wurde.

In der Ukraine widmet sich schon ein Viertel-Jahrhundert der Frage der Informationssicherheit. Man beschäftige sich mit den sowjetischen Erkenntnissen zur neuen Bedrohungen und Herausforderungen, sowie mit dem »Druck des östlichen Nachbarn«. Die Militärwissenschaft der Ukraine ist auf dem Niveau des Zweiten Weltkrieges stehengeblieben, mit einigen Erkenntnissen aus dem Afghanistan-Krieg. Es ist nicht zu übersehen, dass die Ukraine auf die Ereignisse der Jahre 2013 – 2015 nicht vorbereitet war. Heute ist die Situation ein wenig anders, auch wenn man in der Presse wenig Informationen über die zerstörerische Wirkung von Gerüchten findet.

Ein weiteres Beispiel: Die gesetzlichen Regelungen der Ukraine, die Gesetzgebung schafft die Illusion, auf Gerüchte zu reagieren. Die Tatsache, dass Gerüchte zu destruktiven sozialen Effekten führen können, ist auch dem Innenministerium und Geheimdiensten bekannt. Aber in der Praxis wird das als Ordnungswidrigkeit behandelt.

Falschmeldung

Quelle: Pixabay.com user: geralt

Nach dem Bußgeldkatalog für Ordnungswidrigkeiten der Ukraine ist die «Verbreitung von falschen Gerüchten, die zu Panik in der Bevölkerung oder zu einer Verletzung der öffentlichen Ordnung, werden mit einem Bußgeld geahndet, das 10- bis 15- fache der minimalen Einnahmen des Bürgers ausmacht oder mit gemeinnütziger Arbeit bis zu einem Monat und eine Lohnkürzung von 20 %. Mit anderen Worten, wenn Gerüchte zu Massenunruhen führen, kann der Beschuldigte zu einer Strafe von 6890 bis zu 10335 Hrivna verurteilt werden. Das Vergehen wird als Verletzung der öffentlichen Ordnung mit Vorsatz oder als grobe Fahrlässigkeit eingestuft (also gesteuerte oder spontane Gerüchte). Wir müssen dazu sagen, das das Gesetz noch aus der USSR stammt und der erwähnte Artikel 173/1 im Jahre 1990 hinzugefügt wurde. Wie wir sehen, wurde Gerüchte als Bedrohung für Gesellschaft betrachtet. Für die Jahre 2012 – 2014 konnten
wir keine Daten zu Verfahren finden, die auf das verbreiten von Gerüchten in der Ukraine hindeuten.

So sind gesteuerte Gerüchte aktuelle Mittel im modernen Informations-Krieg, welche mit
traditionellen Mitteln der Kommunikation verbreitet werden.

In naher Zukunft können wir nicht damit rechnen, dass die gesteuerten Gerüchte als Elemente der sozialen Kommunikation, ihre militärische Bedeutung verlieren werden.

In naher Zukunft können wir nicht damit rechnen, dass die gesteuerten Gerüchte als Elemente der sozialen Kommunikation, ihre militärische Bedeutung verlieren werden.


Quellen

Autor Vyacheslav Gusarov, Experte für Informationssicherheit, TSVPI Gruppe „IS“
Textquelle sprotyv.info
Bildquelquelle pixabay.com
Übersetzer Thomas Bergmann