Narrative des hybriden Krieges

Der Artikel von I. P. Rushchenko ist auf sprotyv.info erschienen.

Narrativ (englisch narrare) – Gesetz der Sprachen, eine mündliche Äußerung; Erzähler – Geschichtenerzähler.

In keinem der vorangegangenen militärischen Konflikte wurden so viele verschiedene Texte produziert. Wort und Narrative aus verschiedenen Quellen, Formate, Gedanken und die Tiefe des Textes wurden zu einer eigenständigen Waffe im hybriden Krieg. Sie verteilen, schreiben, sprechen, tratschen, „posten“ wirklich alles: vom Kommandeur und Minister bis hin zum kleinen Agitator und seinen Journalisten Kollegen.

In einigen Fällen haben die politischen Äußerungen und Deklarationen, propagandistische Äußerungen und Attacken, verbale Bedrohungen und Trolling denselben Effekt, wie Flächen-Bombardements oder gezielte Schläge. Es leidet das Gehirn, die Seele, das kollektive Bewusstsein und Unterbewusstsein. Die Folgen sind eine geistige Erstarrung, „Leere im Gehirn“, die Angst in Panik zu geraten, „alles ist verloren“ und „ringsum ist die Hölle“. Mit dieser zerstörerischen Wirkung rechnete offensichtlich der Aggressor. Im frühen Stadium des hybriden Krieges ebnen diese Narrative den hybriden Armeen den Weg. Die Effektivität dieser verbalen Waffen war sehr hoch. Ihre zerstörerische Wirkung kann man mit einer taktischen Atombombe vergleichen.

Im undurchsichtigen Strom des hybriden Krieges können wir vier Elemente erkennen: Bluff, Erpressung, Lügen und Zynismus. Sie ergänzen einander und bilden ein symbolisches Viereck. Schauen wir uns die Narrative des Aggressors genauer an.

Bluff: Eine Meldung, die auf die Täuschung des Feindes ausgerichtet ist. Sie soll psychischen Druck aufbauen, erpressen und verpflichten. Sie soll den Gegner zu falschen Handlungen bewegen und unvorteilhafte Bedingungen zu akzeptieren.

Erpressung: Bedrohliche Informationen, die direkt oder in verschleierter Form von Lügen und einem eklatanten Bluff begleitet wird.

Lüge: eine weit verbreitete Form der Kommunikation, die aus den zivilisierten internationalen Beziehungen verbannt wurde. Sie wird aber häufig vom Aggressor im hybriden Krieg eingesetzt. Der Begriff „Narrativ“ (in einem speziellen Fall) wird in der Diplomatie zur Interpretation von Handlungen der Gegenseite verwendet, wie vorsätzliche Täuschung zur Verschleierung der wahren Absichten.

Zynismus: Ein ganz besonderer psychologischer Ton, Untertitel, wenn der Redner – ein Betrüger, ein Erpresser – sich mit seinem Lächeln darstellt, als wäre Moral keine Verordnung. Im Sinne der Philosophie eines bekannten Helden aus der Literatur: „Mehr Zynismus gefällt den Menschen“. So hat zum Beispiel sich eine der ehrenwerten Seiten – Unterzeichner des Budapester Memorandums – von den eingegangenen Verpflichtungen distanziert. Ein hochgestellter Politiker teilte dazu mit: „Wir haben mit dieser Regierung (der aktuellen Kiewer Regierung) keinerlei Verträge geschlossen. Aus Sicht des Völkerrechts ist es ein ungeheurer Zynismus. Aber die Menschen aus dem Hause des Schweinehundes freuen sich über solche Äußerungen und sind aus diesem Grund unsterblich in ihn verliebt. Der Zynismus der Handlung und des Narratives, die Abschwörung verbreitend, werden als Sieg über den betrogenen Feind präsentiert. Uns ist die Unterzeichnung eines Memorandums in keiner guten Erinnerung, welche im Laufe der Ereignisse Erpressung und Betrug beinhaltete. Niemand will der Ukraine ernsthaft ihre Sicherheit garantieren. Die Atommächte haben das Land zur Abrüstung gezwungen, ihm buchstäblich die Hände abgeschlagen …

Lassen wird die Theorie. Schauen wir uns an, wie das symbolische Rechteck in bekannten Narrativen des hybriden Krieges funktioniert.

Die Phasen des hybriden Krieges

Episode 1

Ein wichtiger Tag in der jüngeren ukrainischen Geschichte. Janukowitsch wurde von Putin nach Moskau gerufen. Die geheimen Gespräche fanden auf dem Militärflugplatz statt, welche zu einer scharfen Wende in der Außenpolitik führten und in der Revolution der Würde endeten. Es wäre interessant zu wissen, wie die Narrative „im letzten Abendmahl“ aussehen. Zum Bei spiel, ob die ehrenwerten Seiten einen Jargon der Diebe verwenden, keine literarischen Ausdrucksformen und in welchem Stil sie sich unterhalten haben. War ein „hoher“ Stil, wie er von der Turmspitze der Lomonossow Universität gepredigt wird, oder „niederer“ Stil, wie er in der Unterwelt Leningrads verstanden wird. Es gibt keinen Zweifel daran: Erpressung, Bluff und Betrug sind Putin zu 100 % gelungen. Janukowitsch distanzierte sich von der Idee der europäischen Integration und brachte das Rad der bevorstehenden Ereignisse in Bewegung. Putin erwies sich als Sieger, der Kreml-Diktator hatte den Krieg in der ersten Etappe gewonnen, ohne einen Schuss abzufeuern. Der Meister der „schönen Literatur“ hatte seine Schuldigkeit getan: 10:0 für den Kreml.

Episode 2

Für diese Aufgaben werden Putins Lakaien genommen, die ihren Chef vollständig kopieren: „Mehr Zynismus, dem Volk muss es gefallen„. Am 27. Februar findet die denkwürdige Versammlung des Nationalen Verteidigungsrates s tatt. Der Kreml verfolgt mit seinen zahlreichen Agenturen nervös die Handlungen und Gespräche der Kiewer Politiker hinter den Mauern der Rada und in den Büros, was man als „online“-Modus bezeichnen kann. Es gibt keinen Zweifel daran, das der große Bruder allmächtig ist und alles sieht, alles hört.

Während der Besprechung wurde die Situation auf der Krim mit A.Turchinov über eine gesicherte Telefonverbindung besprochen. Da ruft sein Amtskollege Sergei Naryshkin, Vorsitzender der Staatsduma, an und sa gt in etwas Folgendes: Sasha, wenn ihr in den nächsten zwei Tagen auf der Krim etwas unternehmt, dann landen unsere Falschirmjäger zwischen der Verwaltung des Präsidenten, der Rada und dem Ministerkabinett (Anmerkung TB: Im Regierungsbezirk in Kiew). Eine seltene Offenbarung und Stärke des Zynismus, ein Beispiel für Erpressung in internationalen Beziehungen. Naryschkin hat zweifellos auf Anweisung von Putin gehandelt und seine Worte lückenlos wiedergegeben. In kriminelle Manier versuchte er auf den Gegner Druck auszuüben. Der Bluff bestand darin, das keine russischen Truppen bereit standen. Auf einen offenen Krieg war Putin nicht vorbereitet, vielleicht auch aus internationalen Gründen. Hat die Erpressung dem Kreml genutzt? Wir wissen, das der Nationale Verteidigungsrat eine Straußen-Position einnahm, mit der Putin zufrieden war. Es wäre interessant zu wissen, ob andere Teilnehmer der Versammlung auch mündliche Botschaften aus Moskau erhalten haben. Warum war Julia Timoschenko so nervös, ja panisch?

Hier noch ein Beispiel dazu. Die Ereignisse finden in Charkiw am 7. April statt, am Vorabend der Besetzung der Gebietsverwaltung. Der Leiter des Gebietes Igor Balut sitzt in seinem Büro und ist nervös. Er versteht, dass die pro-russische Miliz ihm eine Aufgabe gestellt hat: Erstürmen des Gebäudes der Administration und Machtübernahme in der Region. Plötzlich werden seine Gedanken durch seinen Sekretär unterbrochen: ein Anruf aus dem Kreml. Erst kann der neu ernannte Gouverneur es nicht glauben (er ahnte nicht, dass die ehemalige kommunistische Partei eine spezielle Verbindung in den Kreml hatte) und denkt, dass es ein Scherz ist. Aber beim zweiten Anruf nimmt er den Hörer ab. Am anderen Ende der Leitung – Schirinowski (aus dem Gebäude des russischen Parlamentes), welcher sich zu seiner Liebe zur Ukraine und zu ukrainischen Borschtsch und zum Sala bekennt, gibt ihm in bekannter zynischer Art den Rat, keine hektischen Bewegungen zu machen. Jedem Experten ist klar, dass das die Taktik des hybriden Krieges ist. Rufe in einer kritischen Situation an und nutze die Kraft des Narratives und die Autorität des Sprechers. Mit der verbalen Erpressung soll der Willen zum Widerstand gebrochen werden.

Die Lakaien Putins rufen nicht in Washington an, sondern in „ihren“ ehemaligen Republiken, wo es etwas gibt, was man verbergen möchte. Es ist auch eine alte Angewohnheit, am Mund des großen Bruders vorbeizukommen, sich zu strecken und in einem günstigen Moment zuzuschnappen.

Episode 3

Schauen wir uns nun die Dokumente an – das bekannte Dekret der obersten Bundesversammlung der Russischen Föderation über die Erlaubnis, Truppen in die Ukraine zu entsenden oder nicht. Am 1. März geben die Senatoren fast einstimmig ihre Zustimmung für den Einsatz der Streitkräfte in der Ukraine. Die Situation gleicht einer Operette. Erstens, sind die grünen Männlein schon auf der Krim aktiv und haben schon das Parlament der Autonomen Republik Krim besetzt. Zweitens hat Putin nicht die Absicht einen klassischen Krieg zu beginnen. Drittens, er spuckt auf die Senatoren. Wenn es notwendig ist, entsendet er militärische Einheiten ohne Zustimmung (wie er es im August 2014 getan hat). Im März hat Putin zynisch die Autorität des obersten gesetzgebenden Organs des Landes für seinen Bluff und Erpressung ausgenutzt.

Praktisch aus allen Ritzen strömte heiße Luft, eben die üblichen Narrative. Aber gestern erschien auch ein sehr wichtiger Artikel, der Druck auf die Ukraine aufbauen soll. Es war eine verbale Botschaft, die die Ukrainer schockieren soll. Stellen sie sich vor – kämpfen mit einer Atom-Macht. Putin gab seinen Lakaien noch ein wichtiges Instrument an die Hand. Sie sollten direkt mit den lokalen Eliten verhandeln, sie davon überzeugen, ihre Regionen aufzugeben. Diese Unterstützung bekommt Glazyev, der Assistent Putins, der operativ für die separatistischen Häuptlinge in Zaporizhzhya, Odessa, Charkiw und auf der Krim zuständig ist (siehe die Aufzeichnung der Telefongespräche, welche der Generalstaatsanwalt der Ukraine veröffentlicht hat), welcher Aktionen nach Charkiwer Vorbild forderte. Die These „Soldaten gehen voran“, das Versprechen Geld und Spezial-Ausrüstung zu schicken, sind starke Argumente für die Besetzung der Gebäude. Die Taktik des Drucks und verbalen Inspiration der Unterstützter Moskaus hat damals in der Ukraine noch funktioniert. Kommen wir nun zu dem Punkt, als Putin die Erlaubnis die Armee in der Ukraine einzusetzen, widerrufen hat. 25. Juni 2014 Der Föderationsrat s egnet einen neuen Willen seines Zaren ab. Ist der Kriege vorbei? Nein. Es wieder ein Bluff und Täuschung. Putin blufft die Weltöffentlichkeit, tarnt seine Handlungen (es wurde gerade erst begonnen, schweres militärisches Gerät in die Ukraine zu schaffen) und hofft gleichzeitig den Gegner zu täuschen. In diesem Moment erarbeitet der Generalstab der Russischen Föderation einen Plan für die Invasion in den Donbass und die Rettung der selbst ernannten Republiken. Die Invasion findet im August statt. Um die Zustimmung des Senats wird natürlich nicht gebeten.

Jeder Weise hat seine Einfachheit – wie man Russland sagt. Wir empfehlen, es nicht zu verkomplizieren und das Bild Putins nicht zu dämonisieren. Das, was der Präsident der Russischen Föderation spricht und macht, was er seinen Helfern lehrt, ist eine typische kriminelle Taktik. Ein Historiker aus Charkiw berichtete von so einen Fall aus der vor-revolutionären Zeit. In der Provinz treiben sich Terroristen herum – Kosaken. Für die Untersuchung des Vorfalls und die Ergreifung der Terroristen kam ein bekannter Beamter. Er sagte sofort: Das sind keine politischen, sondern normale Verbrecher. Ich werde sie einfangen und ihnen eine Lektion erteilen. Und so kam es dann!

Wir empfehlen, Putin und seine Äußerungen ausschließlich im Zusammenhang mit kriminellen Subkulturen zu betrachten. In der Biografie des östlichen Zaren finden sich zahlreiche Anhaltspunkte dafür. Er macht eine steile kriminelle Karriere, in der er mehrfach die Anzüge wechselte. Hier eine Reihe von Quellen, die seine Handschrift tragen.

Aus der Biographie des Zaren

Etappe der Leningrader Gassen

In den Kinder- und Jugend-Jahre gewinnt er eine Vertrautheit mit der kriminellen Subkultur, lernt schnell die Grundsätze der Doppelmoral und die Gesetze des Wolfsrudels kennen. Sei immer der erste, weiche nicht zurück, erdrücke den Widersacher mit Frechheit (TB: „Frechheit siegt“), sei Dir nicht zu schade, Deine Gönner zu betrügen.

KGB-Zeit

Die Organisation, die ihn zum Offizier gemacht hat, sollte man öffentlich als staatliche Terrororganisation bezeichnen. Mag sein, dass es dort auch anständige Menschen gibt. Nach Aussagen seiner Kollegen gehörte Putin nicht dazu. Er missbrauchte seine offizielle Position und hatte scheinbar ein ungesundes Verhältnis zu Gewalt und Psychoterror. Menschen kann man moralisch brechen und zum eigenen Vorteil nutzen – das ist wichtigste Lektion, die er beim KGB gelernt hat.

Futtertrog in St. Petersburg

In dieser Zeit des Umsturzes eröffnet sich die Möglichkeit, in die Wirtschafts-Kriminalität zu wechseln. Man muss schon sehr zynisch sein, wenn man seine dienstliche Position im Büro des angesehenen Demokraten Russlands Anatoly Sobchak nutzt, um öffentliche Mittel zu stehlen, während die Bevölkerung in Leningrad Anfang der 1990er Jahre hungert.

Es gibt keinen Zweifel, wie der seine erste Million gemacht hat: „Schutzgelderpressung“, „Netzwerke“, „Schmiergelder“, „Spenden“ und natürlich Bluff, Erpressung, Betrug und gute Beziehungen zu anderen Geschäftsleuten.

Er hat seine Kontakte zu früheren kriminellen wieder aufleben lassen. Heute pflegt er Beziehungen zu kriminellen Autoritäten, den Banditen der „wilden Jahre“ und Dieben nach dem Gesetz. In ihrer Welt hat sich Putin schon immer am wohlsten gefühlt.

Vor diesem Hintergrund war Janukowitsch zum Scheitern verurteilt. Putin hat sehr genau die feine Seele des ukrainischen „Greifers“ verstanden und den KGB gezielt eingesetzt.

Auf der Höhe des Olymps

Die Rolle staatlicher und politischer Verbrecher, mit der Möglichkeit, ihr Werk in anderen Maßstäben fortzusetzen. Er hypnotisiert buchstäblich die russische Gesellschaft mit den Augen einer Boa, die die Macht des Bösen demonstriert, ganz in der Tradition der kriminellen Welt. Heute schafft er eine kriminelle Organisation auf höchster Ebene, indem er Mitgliedern krimineller Strukturen mit den Methoden und Techniken vertraut macht.

Das ist der Schlüssel der putinischen Narrative im hybriden Krieg. Die Kriminologie ist scheinbar eine Politikwissenschaft. Aber ist es möglich, sich gegen diese Taktik der Erpressung und des psychologischen Terrors Putins zu wehren? Zunächst muss man die Psyche, das psychologische Profil des Haupt-Narrators verstehen. Das kriminelle Talent gibt es, aber es kann überwunden werden. Es ist nicht zu übersehen, dass die internationalen Partner eine Zeit brauchten, sich mit der Person Putin auseinander zusetzen, ihn zu verstehen. Es wäre einfacher für uns, wenn die Epoche der kriminellen Revolution hinter uns liegen würde und wir uns mit dem Wesen ihrer Helden beschäftigen könnten. Hinter den gespreizten Fingern und dem äußeren Glanz verbergen sich böse Seelen, die übrigens sehr feige sind und schnell in Panik geraten. Man muss ihre Narrative lesen und die Botschaften ihrer verbalen Äußerungen verstehen können.

Konfrontiert mit dem Willen, der Entschlossenheit und der Standhaftigkeit des Gegners, werden Sie ihres wichtigsten Trumpfs beraubt – der Möglichkeit Menschen und Siege zu manipulieren.

Quellen

Autor I. P. Rushchenko Doktor der Sozialwissenschaft, Professor, speziell für „IS“
Textquelle sprotyv.info
Bildquelle xxx
Übersetzer Thomas Bergmann

Weitere Quellen: