Putin bereitet die schlechteste Variante vor gegen die Ukraine vor

In einem Interview mit der Online-Ausgabe der Zeitung »Narodnaya Pravda« spricht der Abgeordnete und Angehörige des Ausschusses für nationale Sicherheit und Verteidigung sowie Koordinator der Gruppe »Informationeller Widerstand« Dimytro Tymchuk über moderne Waffen, die die ukrainischen Streitkräfte benötigen und in Europa schwer zu beschaffen sind. Er spricht außerdem über die Bereitschaft Russlands zu einer großangelegten Invasion und andere Varianten der Aggression gegen die Ukraine, die Wladimir Putin 2019 ergreifen wird.

Die Ukraine hat Angriffs-Drohnen aus der Türkei gekauft. Warum entstand bei uns der Bedarf an solchen Waffen?

Wir haben sein 2014 einen sehr dringenden Bedarf an solchen Waffensystemen. Tatsache ist, dass wir nie ernsthaft mit Drohnen zu tun hatten. Mal abgesehen von den sowjetischen Modellen „Reis“ und „Strich“, die Übungsziele für die Luftverteidigung dienten. Es gab versuche in der Amtszeit von Herrn Gritsenko als Verteidigungsminister israelische Drohnen zu kaufen. Diese sind allerdings gescheitert. Das war eine schwierige Situation. Aber es ist eine Tatsache, dass wir im Jahr 2014 keinerlei Erfahrung mit dem Einsatz von Drohnen hatten.

Als die Kämpfe im Donbas begannen, haben die ukrainischen Hersteller nicht wenige Modelle von Drohnen vorgestellt. Einige von Ihnen wurden von den ukrainischen Streitkräften und anderen bewaffneten Gruppierungen gekauft. Das Problem besteht darin, dass ukrainische Hersteller nur taktische Drohnen und Aufklärungs-Drohnen anbieten. Das bedeutet, dass bewaffnete Drohnen der operativ-taktischen Ebene nicht vorhanden waren. Es ist klar, dass wir keine Erfahrung in ihrer Herstellung hatten. Es gibt zum Beispiel „Handwerker“, die Handgranaten an taktische Drohnen montieren.

„Ukroboronprom“ erhielt im Jahr 2015 den Auftrag, Drohnen für die Aufklärung und Angriff zu produzieren. Man sprach sogar schon Terminen. Die Ukraine sollte Ende 2016 oder Anfang 2017 Drohnen operativ-taktischer Ebene aus eigener Produktion erhalten. Wir können heute nicht sagen, dass wir eine Angriffs-Drohne aus eigener Produktion haben. Unabhängig von der Entwicklung und Erprobung einzelner Modelle.

Warum ist das so?

Dafür gibt es zahlreiche Gründe. Erstens fehlen die notwendigen Mittel, solche Entwicklungen zu finanzieren. Zweites ist die Entwicklung solcher Drohnen von Null aus technologischer Sicht sehr schwierig. Aus diesem Grunde ist der Kauf türkischer operativ-taktischer Drohnen für Aufklärung und Angriff, die sofort eingesetzt werden können, die bessere Option. Wenn wir uns die technischen Daten etwas genauer anschauen, den Aktionsradius von 150 km, die lange Zeit, die sie in der Luft bleiben kann und die Möglichkeit Bomben und Panzerabwehrraketen zu tragen. Das sind gute Optionen, die wir selber nicht haben. Ich denke, mit der Zeit werden wir auch ukrainische Drohnen dieser Qualität und technischen Eigenschaften haben.

Wie sieht es mit anderen modernen militärischen Technologien aus, die die ukrainische Armee und Nationalgarde unbedingt benötigen?

Wie haben ein großes Problem mit hoch entwickelten Waffensystemen. Wenn wir darüber sprechen, dass die Ukraine einer der 10 oder 20 größten Hersteller und Exporteure von Waffen auf dem Weltmarkt ist, geht es um Herstellung oder Modernisierung sowjetischer Modelle. Das Problem ist, dass wir keine elementare Produktions-Basis haben. Wenn wir über ukrainische Kommunikations-Technik sprechen, muss man wissen, dass die Elektronik nicht aus einheimischer Produktion stammt. Die elementare Basis haben wir faktisch Ende der 1980-iger Jahre verloren. Für den Wiederaufbau wären mehrere Milliarden Dollar notwendig. Es mach keinen Sinn, eine geschlossene Produktionskette für Waffensysteme aufzubauen. Man muss auch sehen, dass die elementare Basis alle zwei bis drei Jahre aktualisiert. Die technische Erneuerung wurde beschleunigt und wird weiter gesteigert werden. Ich muss zugeben, dass wir nicht zu den Ländern mit einer Fertigung hoch-technologischer Waffensystemen und einem geschlossen Produtions-Zyklus gehören werden.

Was sollen wir machen?

Ein Ausweg aus der Situation ist die internationale Kooperation. Daher stellt sich die Frage: Mit wem soll eine militärische Zusammenarbeit aufgebaut werden? Wir brauchen zuverlässige Partner, die heute nicht mit uns kooperieren und morgen wieder nicht, oder was noch viel schlimmer ist – mit unseren Gegner zusammenarbeiten. Das ist eine sehr schwierige Frage. Nehmen wir unsere europäischen Partner, die unseren pro-europäischen Kurs unterstützen. Wenn das Gespräch auf tödliche, oder auch nur nicht-tödliche Waffen kommt, liefern uns die Länder Europas diese Waffen nicht. Es gewisse Verbesserung bei der Produktion von Munition gegeben. Diese Zusammenarbeit hat fünf Jahre nach dem Beginn der russischen Aggression gegen die Ukraine begonnen. Daher müssen wir beim Aufbau solcher Beziehungen sehr vorsichtig sein. Die türkische Seite arbeitet auch mit Russen zusammen. Denken Sie nur an den Kauf russischer Luftabwehrsysteme, welcher die USA etwas irritiert hat. Aber die Türkei ist offen für die Ukraine. Wir können nicht sagen, dass Putin von der Türkei die Beendigung der Zusammenarbeit mit der Ukraine verlangen oder befehlen kann. Die Vertreter des Verteidigungsrates und unseres Fachausschusses waren überrascht, als sie die Fortschritte und Fähigkeiten der türkischen Rüstungsindustrie untersuchten. Die Türkei hat in den vergangenen zehn Jahren enorme Fortschritte bei der Entwicklung und Produktion unterschiedlicher Waffen und militärischer Ausrüstung, einschließlich hoch-technologischer Systeme, gemacht. Daher ist der Kauf von Drohnen und türkischen Funk-Geräten nur der erst Schritt der Zusammenarbeit.

Aber hier entsteht ein neues Problem. Natürlich verstehen wir, dass wir aus eigener Kraft keine Serienproduktion aufbauen können. Dennoch muss sich die Rüstungsindustrie um eine technologische Basis, ihre eigene Wirtschaft und um Arbeitsplätze kümmern. Beim Abschluss umfangreicher Verträge ist es üblich, dass der Käufer Teile des Produktes selber herstellt. Das geschieht in der Regel über die Gründung gemeinsamer Unternehmen und der Schaffung von Produktionskapazitäten in der Ukraine. Aber hier ist das Problem. Zum Beispiel bei der Produktion von Funk-Geräten. Ankara hat keine Einwände, dass die Geräte auf dem Gebiet der Ukraine produziert werden. Aber wir haben keine Erfahrung in der Umsetzung solcher gemeinsamen Produktionen. Es kommt die Frage auf: Welches Amt wird sich damit befassen? Das Verteidigungsministerium will es. Aber über welche Erfahrungen im Aufbau und Betrieb gemeinsamer Unternehmen hat es? Es gibt dabei eine große Anzahl organisatorischer Fragen. Die Fragen der gesetzlichen Rahmenbedingungen, falls diese bei der Verkhovna Rada liegen, werden operativ schnell gelöst. Aber auf der operativen Ebene der ausführenden Organe des gleichen Kabinetts können wir keine Strategie zur Umsetzung einer solchen Produktion erkennen. Wir hoffen, dass wir diese Fragen in naher Zukunft lösen können.

Sprechen wir über die Flotte und die Situation in unseren Gewässern. Auf der einen Seite ist der Zugang zum offenen Meer von strategischer Bedeutung für unsere Sicherheit und Wirtschaft. Auf der anderen Seite hat das Schwarze Meer keinen direkten Zugang zu einem Ozean. Man muss Meerengen passieren. So oder so brauchen wir gute Arbeitsbeziehungen mit der Türkei. Wie kann man unter solchen Bedingungen eine angemessene Flotte aufbauen? Welche Aufgaben soll sie erfüllen?

Auf diese Frage gibt es schon eine Antwort. Es wird eine „Moskito“-Flotte aufgebaut, die der Taktik des „Wolfsrudels“ umsetzt. Das ist zur Zeit die einzige Option der Entwicklung für uns, die uns die Möglichkeit eröffnet militärische Operation auf möglichen Kriegsschauplätzen zur See durchzuführen. Natürlich will unsere Marine auch moderne Korvetten und U-Boote besitzen. Aber moderne Marineausrüstung ist auf dem Weltmarkt ein sehr teures Vergnügen. Und die Beschaffung moderner Korvetten für die Marine ist nicht nur mit den Mitteln der ukrainischen Streitkräfte sehr schwierig. Es wäre auch eine große Belastung für den Staatshaushalt. Insgesamt müssen wir aber eine Strategie haben. Die Führung der Flotte hat eine Vision. Dies gilt auch für das Entwicklungsprogramm der Streitkräfte bis 2020. Die Mittel werden für Artillerie-Boote eingesetzt.

Das Schwarze Meer ist sehr klein. Da sprechen wir noch nicht über das Asowsche Meer. Für die Erfüllung militärischer Aufgaben in diesen Gewässern braucht man keine Schiffe der „erwachsenen“ Klassen. Mit der Umsetzung des Korvetten-Programmes in der Ukraine begannen die Diskussionen, welche Korvetten gebaucht werden. Es wurde beschlossen, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Die Korvette, die es heute in dem Projekt gibt und über deren Bau entschieden wird, ist eher eine kleine Fregatte. Weil es auch um die Verschiebung der Grenzen zwischen beiden Schiffsklassen, Korvetten und Fregatten, geht. Gemessen an der Bewaffnung und der tatsächlichen Kampfkraft ist es eine Fregatte.

Warum wird das so gemacht?

Weil wir im Schwarzen Meer keine Fregatten brauchen. Die Ukraine entwickelt dieses Projekt mit dem Ziel, an verschiedenen Marine-Operationen der NATO, wie der Anti-Piraterie und Anti-Terror Operation teilzunehmen zu können. Und um auch im offenen Ozean operieren zu können, wurde diese Zwischen-Version erarbeitet. Diese kann als Korvette in der Küsten-Region oder als Fregatte im offenen Meer eingesetzt werden.

Heute können wir sagen, dass wir in 2-3 Jahren in der Lage sein werden, eigene Korvetten zu bauen. Wir benötigen 10-12 Korvetten, damit die Marine ihre Aufgaben im Schwarzen Meer erfüllen kann. Wir müssen auch die langfristige Planung und die Entwicklung der einheimischen Schiffsbau-Industrie berücksichtigen. In dem Zeitraum von 2-3 Jahren können wir auf internationale Unterstützung zählen. Wir wissen, dass mit den USA über die Lieferung geeigneter Schiffe verhandelt wird. Es heißt, dass die Amerikaner bereit sind, uns gebrauchte Fregatten zu verkaufen, die mit Mitteln finanziert werden, die der Kongress für die Unterstützung der Ukraine bereitstellt. Obwohl ich gesagt habe, dass wir im Schwarzen Meer keine Fregatten brauchen, schaut man in diesem Fall einen geschenkten Gaul nichts ins Maul. Wenn wir sie bekommen können, müssen wir diese Chance nutzen.

Dann wäre noch die Frage der Absicherung unserer U-Boote. Wie steht es damit?

Es gibt Pläne, die Flotte mit kleineren U-Booten auszurüsten. Wenn der Bau von Fregatten, Korvetten, Raketen-Booten der Ukraine noch möglich ist, so ist die Fertigung von U-Booten ausgeschlossen. Wir können nur vorhandene Boote kaufen und an die Bedürfnisse der Ukraine anpassen.

Wie wird sich ihrer Meinung nach die Situation im Donbas im Jahr 2019 entwickeln?

Wie beobachten eine Konzentration von Truppen und militärischem Gerät der Russischen Föderation in den grenznahen Bereichen zur Ukraine. Die Besatzungstruppen auf der Krim werden auch verstärkt. Die Maßnahmen deuten auf russische Vorbereitungen von großangelegten Kampfhandlungen, einer offenen Aggression, gegen die Ukraine hin. Ich glaube zur Zeit nicht, dass dieses Szenario wahrscheinlich ist. Aber die Armee muss auf die schlechteste Variante vorbereitet sein. Obwohl im Donbas nur Bodentruppen und Marine-Infanterie eingesetzt sind, übernimmt die Luftwaffe Unterstützungsaufgaben. Die militärische Ausbildung wird allerdings in allen Bereichen der Streitkräfte fortgesetzt, in der Flotte, der Luftwaffe und den Bodentruppen. Die ist die Vorbereitung auf eine offene Konfrontation, dem schlimmsten Szenario. Aber ich glaube nicht, dass dies 2019 eintreten wird.

Warum?

Für den Kreml ist das politische Spiel mit der Ukraine die beste Option. Ein pro-russischer Kandidat hat in den bevorstehenden Präsidentschaftswahlen kaum eine Chance. Das verstehen alle. Aber die Arbeit der Fünften Kolone geht weiter, besonders im OppoBlock und bei „Sa Schittja“. Beide haben eine ausgesprochene kremltreue Orientierung. Ich denke, dass man auf die Präsidentschaftswahlen Einfluss nehmen will, dass das eigentliche Ziel aber die Parlamentswahlen sind. Letztere sind für Moskau wichtig. Das Ziel ist es, möglichst viele Abgeordnete zu behalten. Hier geht es einerseits um bekannte pro-russische Kandidaten, andererseits um diejenigen, mit denen man verhandeln könnte. Vergessen wir nicht, dass wir eine Parlaments- und Präsidenten-Republik haben. Sogar mit einem pro-ukrainischen Präsidenten, der die Möglichkeiten und Raum für politischen Manöver erheblich einschränken kann, ist der politische Spielraum des Parlaments eine ernste Aufgabe. Auch die Bildung eines eigenen, oder zumindest teilweise eigenen Kabinetts und die Umsetzung der von Moskau gestellten Aufgaben. Das ist es, was der Kreml von der Ukraine erwartet.

Angesichts der Unterstützung der pro-russischen Bewegungen im Süden und Osten der Ukraine wird der Kreml meiner Meinung nach noch keine Groß-Operationen durchführen. Sie werden jedoch eine gewisse Spannung im Donbas aufrecht erhalten. Dies schafft viel Raum für Diskussionen für alle „Friedensparteien“, die damit spekulieren können. So kann man zum Beispiel sagen: „Die heutige Regierung will keinen Frieden. Aber können Putin bitten, für Frieden zu sorgen“. Daher glaube ich, dass Putin dieses „gemischte“ Regime 2019 im Donbas und der Ukraine fortsetzen wird.

Quelle: sprotyv.info

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