Regeln der Kommunikation

Die schwere wirtschaftliche Situation und das Fehlen einer Perspektive in den vergangenen drei Jahren in den selbst ernannten Republiken ermunterte die Bevölkerung mehr, kritischer über die Machthaber zu sprechen. Aber pro-ukrainische Tendenzen sieht man noch keine.

Eine Übersetzung des Artikels von Roman Lazorenko, der auf www.62.ua veröffentlicht wurde.

Die freie Meinungsäußerung ist eines der wesentlichen Kriterien, an denen ein demokratischer Staat gemessen wird. Und wenn sich die Ukraine von Platz 129 im Jahr 2015 auf Platz 102 im Jahre 2017 verbessern konnte, dann verdienen die sogenannten „Volks“-Republiken ihren Namen nicht.

Die Medien der „Republiken“ sind vollständig unter Kontrolle und Zensur der Machthaber. Das sieht man besonders in den Tageszeitungen, Fernsehsendern und Webseiten. Ungefähr 60-70% der Sendezeit, der Zeitungsartikel und des Web-Contents nehmen offizielle Informationen der „Organe der DNR“ und negative Berichte über die Ukraine ein. Für andere Meldungen stehen durchschnittlich 30% zur Verfügung. Und selbst diese werden oft von Sitzungen der lokalen Behörden, Berichte über Arbeitseinsätze oder Veranstaltungen bestimmt.

In jeder beliebigen Stadt gibt es auch zu guten Zeiten jede Menge Probleme, über die berichtet wird. Aber nach dem Einführen der Zensur bleibt dem Menschen nur die einfache Unterhaltung untereinander, auf dem Markt, im öffentlichen Nahverkehr oder in der heimischen Küche. Aber hier gibt es einige Besonderheiten.

Senioren und Frauen sind mutiger

In den Jahren 2014-2016 bestanden eine Reihe von harten „Tabus“ bezüglich der Entscheidungen und der Situation in der selbst ernannten „DNR“. Menschen, die im Beisein von unbekannten Personen eine kritische Meinung äußerten, haben viel riskiert, das die „Gutmenschen“ sie in das sogenannte Ministerium für Staatssicherheit der „DNR“ verschleppten. Man kann nicht sagen, dass das eine Massenerscheinung war, dass jeder Bewohner der „DNR“, der kritische Stimmen hörte, versuchte darüber zu berichten. Es gibt aber auch zahlreiche Beweise für das Gegenteil. Infolge dieser Erfahrungen haben sich viele Menschen zurückgezogen und ihre sozialen Kontakte auf ein Minimum reduziert, auf jene Personen, denen man vertrauen konnte. Und es waren nicht immer die eigenen Angehörigen, nicht die eigenen Geschwister, zwischen denen eine Mauer stand, denen man aus dem Weg ging.

Das Ergebnis war eine Taktik des Überlebens, die die Bewohner der „DNR“ entwickelt haben, die mit der allgemeinen Linie nicht einverstanden waren oder sich einfach nicht an den Debatten beteiligen wollten, die sie für unnötig hielten.

„Ich sage immer, dass ich mich nicht für Politik interessiere. Für mich sind Familie, Wetter oder was auch immer wichtiger. Ich erinnere mich an ein Ereignis vor Kurzem, einen Telefonanruf. Der Anrufer verwickelte mich in ein Gespräch über kommunale Abgaben. Es endete damit, das sich mein Gesprächspartner dafür interessierte, ob ich ein „Ukrop“ wäre. Seit dem besteht mein Freundeskreis nur noch aus wenigen Personen. Ein paar Leute auf Arbeit, mit ich nur dienstliche Themen rede, ein paar Freunde, denen ich vertraue, mit denen ich mich aussprechen kann“ – sagte mir ein Bewohner der besetzten Gebiete.

Diese einfache Taktik der Bevölkerung in den selbst ernannten „Republiken“, welche sich nicht streiten wollen oder Angst haben, ihre Meinung zu äußern, gab früher wie heute. Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass die Unterstützer der „DNR“ vorwiegend Senioren und Menschen mittleren Alters waren, die sich nicht scheuten, sie lautstark zu unterstützen. Alles hat sich vor ungefähr einem halben Jahr geändert, als sich die wirtschaftliche Situation in der „DNR“ verschlechterte, als die wirtschaftliche Blockade verkündet wurde, als zahlreiche Betriebe ihre Arbeit einstellten, und die Mitarbeiter ihre Haupteinnahmequelle, ihre Existenzgrundlage verloren. Das alles bei den schon traditionell hohen Preisen und der Kürzung der 10% tigen Rentenzuschläge. Aber das Wichtigste ist, das das Fehlen einer klaren und positiven Perspektive, die Zunahme der „kritischen“ Stimmen in der „DNR“ begünstigt.

user: stevepb

Im Vergleich zu den Jahren 2014-2016 hört man auf den Straßen öfter Kritik an der „Führung“ der selbst ernannten „DNR“. In der Regel sind es Menschen, die nichts zu verlieren haben. Zu dieser Kategorie gehören immer mehr Benachteiligte der jüngsten Entscheidungen der „Machthaber“, wie Senioren und Frauen mit Kindern. Das Leben der Senioren war schon immer nicht leicht. Aber mit dem Verbot der humanitären Hilfsorganisation, die die Bevölkerung mit Lebensmitteln versorge, wurde es noch schwieriger. Infolgedessen zögern viele nicht, die Führung der „Republiken“ offen zu kritisieren, angefangen beim Bürgermeister bis hin zu Zakharchenko.

Wenn Umstehende auf die Äußerungen reagieren, bekomme Sie oft zu hören: „Ich habe nichts zu verlieren, ich glaube nicht, dass mit etwas passieren könnte“. Vor allem Frauen mit Kindern, besonders Alleinstehende, die die humanitäre Hilfe verloren haben, die keine Zukunft für sich und ihre Kinder sehen, äußern sich zunehmend kritisch. Wie auch die Senioren glauben sie nicht, dass derartige Äußerungen etwas ändern können. Am Rande solcher Diskussionen halten sich oft junge Leute auf, viele von ihnen unpolitisch, vor allem junge Männer und Männer mittleren Alters, die Familien haben.

„Ich bin für meine Familie und für meine Kinder verantwortlich.

Wenn mir nach einem dummen Gespräch auf der Straße etwas zustößt, stehen sie alleine da. Das möchte ich lieber nicht riskieren“ – erklärte mir einer meiner Bekannten. „Der Seele beraubt“ – solche Menschen sprechen im Grunde genommen nur noch zu Hause mit Menschen, denen sie wirklich vertrauen.

Worüber sprechen die Menschen?

Neben der erheblichen Zunahme der der Kritik auf den Straßen der selbst ernannten „DNR“, habe sich auch die Gesprächsthemen verändert.

In den Jahren 2014, 2015 und auch noch 2016 wurden die Gesprächsthemen von den Kampfhandlungen, der Hoffnung, dem Glauben an ein besseres Leben in einem unabhängigen Staat oder dem Anschluss an die Russische Föderation, wie auch das Schicksal der „Rest“-Ukraine bestimmt. Aber das hat sich heute grundlegend geändert.

Die Diskussionen über Kampfhandlungen sind nicht völlig verschwunden. Sie haben nur nach drei Jahren einen anderen Stellenwert. Aber daran werden die Diskussion auch nichts ändern. Viele abergläubische Menschen glauben, dass die Diskussionen den Krieg wieder anziehen werden. Auch das Interesse am Schicksal der Ukraine ist gesunken. Viele haben Verwandte in der „großen“ Ukraine. Aber die Gespräche haben sich auf das Leben der Angehörigen reduziert.

user: ed_davad

Die Hoffnungen auf ein besseres Leben sind schnell verschwunden, auch nach dem die „Anerkennung“ der Dokumente der selbst ernannten Republiken durch Russland keine Verbesserung brachten, stattdessen verschlechterte sich die wirtschaftliche Lage dramatisch.

Seit März wurde mehr über die maßlosen „Zöllner der DNR“ gesprochen, als über die unbestrittenen Anführer der „DNR“. Diese arbeiten besonders langsam und schämen sich nicht, Bestechungsgelder anzunehmen, wenn man die Grenze ohne Wartezeiten passieren möchte. Weitere Themen waren die Stilllegung zahlreicher Betriebe und der Verlust von Arbeitsplätzen, der Preisanstieg bei Gemüse, Medikamenten und vielen anderen, die um den 20. April besonders auffällig waren.

Diese ausschliesslich „friedlichen“ Gesprächsthemen zeigen doch deutlich, das die Bevölkerung von den Kampfhandlungen distanziert und nicht nur „überleben“, sondern gut leben will. Man bezweifelt nicht, das „Republiken“ zu Problemen führen werden.

Über diese Probleme sprechen immer öfter Senioren und Frauen mit Kindern. Aber im Gegensatz zu früheren Jahren, als man die Ukraine für alle Probleme verantwortlich machte, beschuldigen die Bewohner heute offen die lokalen Machthaber, angefangen bei den Bürgermeistern bis hin zu Spitze der „DNR“, Alexander Zaharchenko.

Die „Bürgermeister“ macht man für die stillgelegten Betriebe, den Schutz auf den Straßen, das fehlen von Wegen oder die hohen Preise verantwortlich. Bei der Spitze der „DNR“ geht es vor allem um die niedrigen Renten, die Einkommen im Verhältnis zu den Preisen, die bedachte Arbeit der „Zöllner“ der DNR, wo man stundenlang anstehen muss, bevor man in die Ukraine einreisen darf. Senioren mit einer höheren Bildung amüsieren sich schon über die lautstarken Ankündigungen Kiew und London einzunehmen und die „Kunst“ der Rhetorik.

Und es gibt ausreichend „Verteidiger“ – Militärangehörige der „DNR“: „So ein Chaos, ein Alptraum, sie kümmern sich nicht um die Menschen, Schweine Schwänze, andere mit Maschinengewehren, und halten das für normal“ – solche Gespräche hört man nicht selten auf den Straßen, besonders von jenen, die kürzlich ihre Erfahrungen mit den „Zöllnern der DNR“ gemacht haben. Zur Zeit bestimmen Themen über die ökonomische Situation in der „DNR“, die hohen und „volksfeindlichen“ Preise die Gespräche.

Die Gedanken vieler konzentrieren sich darauf, mehr oder weniger zu überleben. „Viele leben heute nach der Devise: Aufwachen, den Tag Überleben und Gott danke“ – sagte mir ein Bekannter. Das alles wird sicherlich nicht zur Popularität der „DNR“ unter den Bewohnern der nicht besetzten Regionen des Donbass beitragen.

Putin und Russland sind tabu

Dennoch gibt es in der selbst ernannten „DNR“ auch weiterhin Themen, welche absolut tabu sind. Man kann diese nur mit Menschen besprechen, den man vertraut.

Wenn man sich traut, die Führung der „DNR“ mehr oder weniger zu kritisieren, so wagt sich niemand die Russische Föderation oder ihren Präsidenten Waldimir Putin zu kritisieren. Diese Themen sind bisher noch „heilig“, selbst wenn sich der eine oder andere betrogen fühlt, weil die „DNR“ nicht in die Russische Föderation aufgenommen, oder gar offiziell anerkannt wurde. Eine offene Kritik kann sich niemand leisten.

Viele glauben auch immer noch, dass der Nachbar keinerlei Schuld an der schwierigen Situation in der „DNR“ hat. Daher halte viele diese Diskussion für unnötig.

Manche Themen, die früher „tabu“ waren, wird man in Zukunft immer öfter ansprechen.

„Ich habe neulich einen Streit zwischen zwei Kollegen mitbekommen. Sie stritten, wer die Stadt beschossen hatte, die ukrainische Armee o der die bewaffneten Kräfte der „DNR“. Jeder hatte seinen Standpunkt, den sie auch verteidigten. Ehrlich gesagt, 2014 oder 2015 wäre solch ein Gespräch unmöglich gewesen“ – erzählte ein Bewohner von Gorlovka.

Es kommt vor, das die Bewohner in den Randbezirken der Städte in einer undeutlichen Sprache über die Ereignisse sprechen. So spricht man, das die ukrainische Armee mit ihren Granatwerfern einige Kilometer weiter schoss, als üblich. Sie meinen damit, dass die Granaten, die auf das Dorf niedergingen, absichtlich oder fälschlicherweise von Einheiten der „DNR“ verschossen wurden. Die Reichweite eines 120 mm Granatwerfers beträgt 5-7 km und kann nicht um einige Kilometer vergrößert werden.

Die Schuld der „DNR“ bedeutet nicht die Liebe zur Ukraine

Die laute Kritik am Handeln der Regierung der „DNR“ bedeute absolut nicht, das die Menschen eine pro-ukrainische Position einnehmen und auf die Rückkehr der ukrainischen Strukturen warten. Menschen mit einer pro-ukrainischen Einstellung, dementsprechend mit einer negativen Einstellung gegenüber der „DNR“, bemühen sich, diese zu verbergen und diese „schmierigen“ Themen zu umgehen, sie nur mit Menschen zu diskutieren, denen man vertraut.

„Über eine Rückkehr in die Ukraine wird sehr selten gesprochen. Nicht nur weil es vielleicht gefährlich ist, sondern weil man nicht wirklich will. Der eine kann die ukrainische Staatsgewalt nicht akzeptieren, der andere hat Angst vor der russischen Propaganda. Was wir erfahren, deute nicht auf eine grundlegende Veränderung des ukrainischen Staates hin. Andere können nicht in einen Staat zurückkehren, von dessen Seite sie drei Jahre lang beschossen wurden.“ – spricht ein Bewohner ganz offen.


Quellen

Autor Lazorenko Roman
Textquelle www.62.ua
Bildquelle Textquelle und https://pixabay.com“
Übersetzer Thomas Bergmann