Russland und die Zahlen

Die Corona-Pandemie bestimmt weiterhin das öffentliche Leben in vielen Ländern. In Asien sucht man den Weg zurück zu einer Art der Normalität. In Europa beobachtet man die Zahlen und bereitet weitere Öffnungen vor. Die Regierung von Weißrussland behauptet weiterhin, dass man nichts von einer Pandemie wüsste. In Moskau versucht man den Spagat zwischen den Zahlen und der unerreichbaren westlichen Realität. Man will ja nicht abseits stehen.

Auf der einen Seite eine Quarantäne über die Hauptstadt und andere Regionen. Auf der anderen Seite sucht man den Weg zurück in die Normalität. Hier spielt natürlich auch die Tradition eine Rolle. In Russland hat man Probleme schon immer verdrängt.

In offiziellen russischen Quellen werden zur Zeit große Zuwachszahlen an Neuinfektionen veröffentlicht. Bei der Bewertung muss man aber vorsichtig sein. In Russland leben ungefähr 180 Millionen Menschen. Die offiziellen Quellen sprechen von ungefähr 10.000 Neuinfektionen am Tag. Für die Bevölkerung des ganzen Landes ist der Zuwachs recht gering. Wenn man aber nur die Regionen Moskau und St. Petersburg betrachtet, hat man dramatische Zustände.

In den vergangenen Tagen wurde vom Tod etlicher Ärzte berichtet, die an der Entwicklung der Corona-Pandemie arbeiteten. Für gewöhnlich sterben Fachleute mit einer kritischen Meinung in Russland keines natürlichen Todes. Man kann davon ausgehen, dass hier vieles im Argen liegt. Allen Beobachtern ist bewusst, dass man für Russland oder Weißrussland keine objektiven und vollständigen Zahlen bekommen wird.

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Alle Angaben und Schätzungen sind mit Vorsicht zu bewerten. Das liegt zu einem nicht unbedeutenden Anteil auch an dem Gesundheitssystem der Länder. Eine Krankenversicherung, wie in westlichen Staaten üblich, ist weitestgehend unbekannt. Alle Grundleistungen werden vom Staat getragen und sind für die Bürger kostenlos.

Aufwendige Untersuchungen, Behandlungen und Medikamente müssen von den einzelnen Personen selbst getragen werden. Das führt in der Praxis dazu, dass die Menschen zunächst versuchen, sich mit Hausmitteln selber zu helfen. Einen Arzt sucht man erst auf, wenn man selber nicht mehr weiter kommt. Im Falle einer Corona-Infektion bedeutet das, dass ein Kranker schon viele Menschen infiziert hat, bevor der Virus bei ihm selber nachgewiesen wird.

Wenn die Regierung von 10.000 neue Infektionen am Tag spricht, muss man mindestens von der 10-fachen Anzahl ausgehen. Auch die Sterblichkeit wird im selben Zeitraum ansteigen. Bei vielen wird man sich nicht die Mühe machen, die Ursachen genauer zu hinterfragen.

Das die Situation in dieser Form in Russland eintreten wird, konnte man schon vor Wochen vorhersagen. Zu einem Zeitpunkt, als man in Moskau noch großzügig die Länder Europas mit seinen fragwürdigen Hilfslieferungen belästigte. Heute fehlen genau diese Hilfsgüter in den Intensiv-Stationen Russlands.

Der russische Präsident hat sich zurückgezogen und regiert das Land am Telefon. Der Realität kann auch er sich nicht verschließen. Er kann aber bestimmen, wie die Regierung damit umgeht.