Taubenschießen auf Russisch

Im Osten der Ukraine wurde am 17.07.2014 die Boeing 747 der Malaysia Airline, Flugnummer MH17, abgeschossen. Die Suche den Schuldigen, der unumstößliche Beweis der Schuld, gestaltet sich schwierig.

In den vergangenen Jahren haben sich zahlreiche Freiwille daran gemacht, die öffentlich zugänglichen Daten zu sondieren und auszuwerten. So ist es gelungen, eine fast lückenlose Dokumentation der Geschehnisse zu erstellen. Eine sehr gute Quelle zu dem Thema ist die Sammlung von Corrective. Interessanterweise wurde eine Analyse des Herstellers des Raketensystems aus dem Netz entfernt.

Schauen wir uns die Situation noch einmal an.

Situation im Frühsommer 2014

Der ukrainische Staat war zerfressen von Korruption. Armee, Polizei und Verwaltung waren kaputtgespart und kaum noch einsatzfähig. Die Technik war völlig veraltet, schlecht gewahrtet, oder schon ausgeschlachtet.

Im Februar hat Russland die Krim besetzt und die dort stationierte ukrainische Technik erbeutet. Das waren vorwiegend Schiffe und Kampfflugzeuge, der schlagkräftigeste und modernste Teil der ukrainischen Streitkräfte.

Mit der Übernahme der Verwaltungsgebäude durch pro-russische Kräfte im Donbass hat die Besetzung der Ostukraine begonnen. Über die offene Grenze wurden kontinuierlich Waffen, Munition und Personen geschmuggelt. Von russischem Staatsgebiet aus wurden die ukrainischen Grenzregionen durch reguläre Einheiten der Armee gezielt beschossen. Die Soldaten wussten zum Teil nicht, worauf sie geschossen haben. Es kam zu einzelnen Gefechten zwischen den bewaffneten Gruppierungen und der ukrainischen Armee. Die Armee hat eine Militärbasis nach der anderen aufgeben müssen. Das noch vorhandene Material wurde abtransportiert oder zerstört. Eine sehr ausführliche Analyse von Jan Schönfelder zeigt den Ablauf der Ereignisse.

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Quelle: sprotyv.info

In der ehemaligen Sowjetunion, wie auch später in der Ukraine, hat die Militärdoktrin den Feind im Westen gesehen. Demnach waren alle Waffen- und Munitionsdepots im Osten des Landes konzentriert. Die eingelagerte Technik in den Depots konnte nicht so schnell verlegt werden und viel den pro-russischen Kräften in die Hände. Über den Zustand kann man nur spekulieren. Normalerweise war sie über Jahrzehnte dem Verfall preigegeben.

In dieser Situation hat die Ukraine natürlich auch ihre verbliebene Luftwaffe eingesetzt, zur Aufklärung, Unterstützung oder Versorgung der Bodentruppen. Die russischen Truppen streben die Lufthoheit in dem besetzten Gebieten an. In diesem Zeitraum kam es zu zahlreichen Abschüssen von Hubschraubern, Kampfflugzeugen oder auch Transportmaschinen, viele Menschenleben sind zu beklagen.

Für die pro-russischen Verbände waren es die Tage der großen Taten. Eine Zeit, in der man sich einen Namen machen konnte und als Held in die Geschichtsbücher der Revolution, ja von „Neurussland“ eingehen wollte.

Ein Blick auf die Technik

Auch die verwendete Technik wurde schon in zahlreichen Veröffentlichungen näher betrachtet. Alle Autoren konzentrieren sich ausschließlich auf die Anwendung nach Handbuch und Dienstvorschrift. Aber es gibt auch noch Möglichkeiten, die nur die alten Hasen kennen, wie ich es währen meines Militärdienstes selber erleben durfte.

Schauen wir uns kurz einen bekannten Vorläufer der BUK-Systeme an, die FLA-SFL 23-4 „Schilka“. Sie besteht aus einem Radar zur Auffassung von Zielen und einer Waffenstation zur Zielbekämpfung. Mit den vier Maschinenkanonen können Boden- und Luftziele bekämpft werden. Die Systeme können einzeln oder im Verbund eingesetzt werden. Die Verwendung als FLAK-Batterie ist natürlich viel effektiver als die eines einzelnen Systems.

Die hervorragenden Eigenschaften hat man auf die nächsten Generationen übertragen und verbessert. Man hat aber auch beibehalten, dass jede einzelne BUK M1 Abschuss-Rampe autonom handeln kann. Die elementare Grundfunktion jeder Abschuss-Rampe, das Schießen, funktioniert mit minimaler Ausrüstung und Besatzung. Aller anderen Systeme dienen nur zur Steigerung der Effektivität.

Seit vielen Jahren werden russische Waffensysteme so konstruiert, dass sie einzeln und im Verbund eingesetzt werden können. Die entsprechenden Schnittstellen findet man heute in zahlreichen Funksystemen, Störsendern, Radarsystemen und Truppenluftabwehrsystem. So kann ein wirksames, flexibles und effektives Luftverteidigungssystem für die eigenen Truppen geschaffen werden.

Wie die Taube vom Himmel fiel

Wie die Abschussrampe in die besetzten Gebiete gelangt ist, wurde in zahlreichen Untersuchungen beschrieben (sie osint). Wie wir heute wissen, wird oft ausgemustertes und veraltetes Material in die besetzten Gebieteukraine geliefert. Man kann davon ausgehen, das das verwendete BUK-System nicht auf dem neuesten Stand war. Das Konzept der verdeckten Lieferung von Mensch und Material wurde zu dem Zeitpunkt ja schon eine Weile praktiziert. Die Weltöffentlichkeit nahm davon Notiz und ging zur Tagesordnung über. Bis heute sind nur die weißen LKW’s mit russischem Staatswappen und unbekanntem Inhalt hinzugekommen, die zu hunderten ganz offen die ukrainische Staatsgrenze überqueren.

Am 17.07.2014 gegen 16:20 (Ortszeit Ukraine) flog die Passagiermaschine in einer Höhe von 10 km Richtung von Amsterdam nach Kuala Lumpur, Flugrichtung von West nach Ost. Zu dieser Zeit war der Himmel klar, fast wolkenlos und die Sonne strahlt intensiv aus süd-westlicher Richtung. Ein wunderschöner Frühsommer-Tag mit guter Fernsicht. Ein Flugzeug erkennt man in der Ferne, auch ohne Feldstecher. Aber bei Höhe, Entfernung und Geschwindigkeit verschätzt man sich schnell. Die russischen Radar-Systeme entlang der Grenze verfolgten die Maschine auch schon einige Zeit.

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Flugzeug am blauen Himmel, Quelle: pixabay

Der Beobachter im Osten der Ukraine wird von der grellen Sonne geblendet, als er das Flugzeug entdeckt. Er erwartet eine weitere ukrainische Transport-Maschine vom Typ AN-26 mit Nachschub für die eingeschlossenen Truppen im Grenzgebiet zu Russland. Diese Maschinen fliegen in einer Höhe von 6000 m mit einer maximalen Reisegeschwindigkeit von 435 km/h, in 8000 m Höhe mit 680 km/h. Die Boeing 777 dagegen fliegt mit 896 km/h in 10000 m Höhe. Die Umrisse der Vorderseite und Annäherung beider Flugzeuge gleichen sich sehr stark, wenn man geblendet wird. Daher schließe ich die Variante von Almas-Antei aus, dass die Maschine von ukrainischen Truppen aus südlicher Richtung abgeschossen wurde. Die Silhouette wäre sehr gut zu erkennen gewesen. Die reflektieren Radarstrahlung ist auch um ein vielfaches höher, als bei einem militärischen Flugzeug, was ein erfahrener Operator problemlos erkennen kann.

Auch das veraltete Zielerfassungsgerät der BUK M1 hat das Flugzeug in Richtung und Höhe erfasst. Ohne weitere Rückfragen oder Bestätigungen hat man sich entschlossen, das Flugzeug abzuschießen. Die Start-Vorrichtung wurde auf das Flugzeug gerichtet und die Rakete abgefeuert. Mit sehr hoher Geschwindigkeit steuert sie auf ihr Ziel zu. Aufgrund ihrer Größe und Trägheit war die Boeing 777-200 mit 298 Menschen an Board kaum zu verfehlen. Der Näherungszünder erkennt das Flugzeug und der Gefechtskopf explodierte oberhalb der linken Cockpit-Seite (in Flugrichtung).

Wenn ich mir all diese Faktoren vor Augen führe, komme ich zu dem Schluss, dass die Passagiermaschine direkt auf die Raketenstellung zugeflogen ist, dass die Rakete in steilen Winkel, unsichtbar für die Piloten angeflogen ist.

Für das beschriebene Szenario ist nicht zwingend komplizierte Elektronik notwendig. Ein einfaches optisches Visier oder ein „gutes Auge“ reichen völlig aus. Die Bedienung kann mit 2-3 „alten Hasen“ erfolgen, welche die Möglichkeiten und Grenzen des Waffensystems genau kennen.

Nach der verheerenden Explosion zerbrach das Flugzeug und stürzte schnell bei Sneschnoe / Tores auf die Oberfläche. Den Absturz der Boeing hat die Besatzung der BUK bestimmt genau beobachtet. Und sehr schnell musste man feststellen, dass man ein ziviles Flugzeug „erwischt“ hatte.

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user: wikimediaimages

Auf die rasche Erfolgsmeldung folgte ein plötzliches Dementi. Die Einträge von Igor Girkin (alias Strelkov) wurden vom ukrainischen Geheimdienst gesichert.

Aufklärung

Die Berichterstattung in den verschiedenen Medien hätte unterschiedlicher nicht sein können. In westlichen Medien herrschen Trauer und Wut vor, russische Quellen sprachen sehr schnell von Verbrechen der Junta. Neben den schon routinemäßigen Schuldzuweisungen beider Seiten fällt auf, dass sich Russland nur sehr zögerlich an der Aufklärung beteiligte. Immer wieder wurden neue und abenteuerliche Szenarien in Spiel gebracht.

Man muss sich hier vor Augen halten, dass die russische Flugabwehr, die sich am grenznahen Raum zu Ukraine befindet, sehr genau beobachten konnte, was sich im ukrainischen Luftraum abspielt.

Zusammenfassung

Man kann mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, das Veteranen oder Angehörige der russischen Streitkräfte die Boeing 777 der Malaysia Airline abgeschossen haben. Die handelnden Personen wussten in jedem Fall ganz genau, was sie taten.

Wie eingangs schon erwähnt wurde der eigene Untersuchungsbericht von Almaz-Altei aus dem Netzwerk entfernt.

Ein wesentliches Ergebnis dieses Vorfalls war die vollständige Sperrung des Luftraumes über dem Kriegsgebiet.

Quellen