Visafreiheit für die Ukraine

Alles was wir über die Visafreiheit wissen wollten oder das Europa der offenen Türen.

In dieser Woche hatte die dreijährige Odyssee der Ukraine zur Visafreiheit mit der Europäischen Union endlich ein Ende. Die positive Abstimmung im Europaparlament wurde zu einem wichtigen Sieg für die Ukraine auf ihrem langen Weg zu einem vollwertigen Mitglied der Europäischen Union.

Das russische Original auf www.62.ua von Roman Lasorenko.

Wann kann der visumfreie Reiseverkehr in Kraft treten?

Am Donnerstag den 6. April hat das Europaparlament für den visafreien Reiseverkehr gestimmt. Die Entscheidung unterstützen 521 Abgeordnete, 75 waren dagegen, 36 enthielten sich. Der größte Teil der Abgeordneten, die dagegen stimmten, sind Vertreter rechtsradikaler und linksradikaler Parteien, welche in Europa auch als «Freunde Putins« bezeichnet werden. Nach der Entscheidung des Europaparlamentes müssen noch eine Reihe von Abstimmungen erfolgen. Diese haben aber eher formalen Charakter und werden der Ukraine keine unerwarteten Überraschungen bescheren.

Die Botschafter der Europäischen Union müssen seit dem 26. April diese Entscheidung unterstützen. Für den 11. Mai ist die Abstimmung der Außenminister geplant. Wenn die Entscheidung noch blockiert werden soll, müssen im Europarat mindestens vier Staaten, die 35% der Bevölkerung Europas vertreten, dagegen stimmen. Es wird allgemein erwartet das der Präsident des Europaparlaments Antonio Tajani und der Vertreter des Europarates, welcher zur Zeit von Malta gestellt wird, die Entscheidung am 15. Mai unterschreiben. Am 22. Mai wird der visafreie Reiseverkehr mit der Ukraine dann bekannt gegeben. Und schon im Juni, um den 11. Juni, kann das Gesetz in Kraft treten.

Wohin und wie lange

Bürger der Ukraine, die einen biometrischen Reisepass besitzen, können ab Mitte Juni ohne Visum in die Mehrzahl der europäischen Staaten einreisen. Das sind die 26 Schengen-Staaten: Frankreich, Belgien, Deutschland, Luxemburg, Österreich, Niederlande, Spanien, Dänemark, Griechenland, Malta, Portugal, Ungarn, Island, Italien, Norwegen, Estland, Liechtenstein, Lettland, Polen, Slowenien, Litauen, Slowakei, Finnland, Tschechien, Schweiz, Schweden. Und alle Länder, welche dem Schengen-Raum beitreten möchten: Zypern, Kroatien, Rumänien und Bulgarien. Die Schweiz muss ebenso den visafreien Reiseverkehr übernehmen, wenn die Entscheidung offiziell von der Europäischen Union bekannt gegeben wurde.

Für Großbritannien, welches den Prozess des Austritts aus der EU gestartet hat, und Irland wird weiterhin ein Visum benötigt. In einem Zeitraum von 180 Tagen dürfen sich Ukrainer jeweils bis zu 90 Tage ohne Visum in den genannten Ländern aufhalten. Der visumfreie Reiseverkehr beinhalte nicht das Recht, Arbeit aufzunehmen, zu studieren oder in den Ländern er EU zu leben. Dafür benötigt man weiterhin ein Visum. Es ist allerdings wahrscheinlich, dass unsere Landsleute die Situation für saisonale Tätigkeiten ausnutzen werden. Wenn sie erwischt werden müssen sie mit ernsten Konsequenzen rechnen.

Was braucht für einen Besuch Europas und welche Risiken bestehen

Die visafreie Einreise gibt den Besuchern das Recht und die Möglichkeit, sich in Europa frei zu bewegen. Aber die Einreise kann an der Grenze verweigert werden. Zum Beispiel, wenn bei der Einreise festgestellt wird, das die Reise nicht dem vorgesehenen Zweck dient. Zu einer solchen Situation kann es kommen, wenn man als Tourist nicht im Auto, nur mit einem Ticket für die Hinfahrt unterwegs ist. Dann besteht ein begründeter Verdacht. Für Geschäftsreisen ist nicht unbedingt auch das Rückreise-Ticket notwendig. Es wird empfohlen eine Einladung zu der Veranstaltung, dem Seminar oder dem Meeting vorweisen zu können. Es ist auch ratsam, Dokumente mitzuführen, die das Ziel ihrer Reise bestätigen. Wenn Sie von Bürgern der Europäischen Union eingeladen wurden, sollten Sie die schriftliche Einladung mit sich führen.

user: stevepb

Es sollte bei der Einreise auch keine Zweifel geben, dass sie ihren Aufenthalt finanzieren können. Das können Bargeld, bezahlte Hotelbuchungen oder gedeckte Kreditkarten sein. Es gibt Gerüchte, dass man Kontoauszüge oder Gehaltsnachweise dabei haben sollte. Auch Eigentumsnachweise über Immobilen haben ein großes Gewicht. Für die Einreise in die Europäische Union gelten die folgenden Bedingungen:

Für den Grenzübertritt müssen Sie das entsprechende Dokument in Händen halten (biometrischer Reisepass, Reisedokument für Kinder).

  1. Sie müssen den Zweck der Reise angeben und bestätigen (Tourismus, Geschäftsreise).
  2. Sie müssen ausreichend finanzielle Mittel für den Aufenthalt in der Europäischen Union und die Rückkehr in die Ukraine nachweisen.
  3. Sie dürfen nicht zu den Personen gehören, die nicht in die Europäische Union einreisen dürfen.
  4. Sie dürfen keine Gefahr für die öffentliche Ordnung, die Sicherheit und die internationalen Beziehung darstellen.

Es muss erwähnt werden, dass das Recht der Ukrainer, ein Visum zu beantragen, nicht eingeschränkt wird. Es kann die Einreise erleichtern. In diesem Fall kann der alte internationale Reisepass verwendet werden.

Ein wichtiger Meilenstein in der europäischen Zukunft der Ukraine

Ein altes chinesisches Sprichwort sagt: »Ein Weg von tausend Meilen beginnt auch mit dem ersten Schritt«. Die Aufhebung der Visapflicht darf nicht überbewertet werden. Es sollte aber auch nicht unterschätzt werden. Entsprechend soziologischer Umfragen denken fast 57% der Ukrainer, das sich in ihrem Leben nichts ändert. Ungefähr 40% der Befragten gaben an, von der Regelung gebrauch zu machen und die Länder Europas zu besuchen. Zur Zeit muss man dafür einige hundert Euro sparen.

Zweifellos können mit dem Anstieg des Lebensstandards bekommen immer mehr Ukrainer die Möglichkeit europäische Länder zu besuchen. Es ist wichtig, dass immer mehr Millionen unserer Landsleute sich selber ein Bild vom Leben in den Ländern Europas machen können und nicht auf die Reportagen von Kiselov über das »schwule« Europa angewiesen sind. Die Menschen vergleichen dann Woronesh mit Krakau, die Strände vom Sonnenstand mit denen Jaltas, oder das Verhältnis von Regierung und Volk am Beispiel des schwedischen Demokratie-Modells. Sie sehen in den idealen polnischen Straßen, die sehr guten deutschen Medizin, den skandinavischen Respekt vor der Natur – die Zukunft der Ukraine. Die heutige Ukraine kann man in großen Teilen mit dem Polen der 1990 iger Jahre vergleichen, unser heutiges Einkommensniveau, die Korruption, die beginnenden Reformen und der Anstieg des BIP nach dem Zusammenbruch der Wirtschaft. Rom, Sevilla, Budapest, Prag, Florenz, Paris, Dresden, Madrid – und viel andere Städte sind, dank ihrer vielen Museen, ihrer Architektur wahre Schätze der Weltkultur. Seiner Zeit konnte ein gebildeter Mensch dies alles nicht sehen, die Kulturhauptstädte Europas. Aber heute können Ukraine mit einem mittleren Einkommen dies alles mit eigenen Augen sehen, was in den zahlreichen Lehrbüchern über Geschichte und Geografie geschrieben steht.

user: TheAndreasBarta

Der visafreie Reiseverkehr ist ein sehr gutes Signal für die Euro-Optimisten und ein Schlag für die Pessimisten. Wie oft haben wir gehört, das Europa niemals den visafreien Reiseverkehr mit der Ukraine einführen wird, in der es Krieg gibt. Was sagen die »schlauen« Leute heute? Die Visafreiheit stärkt den Wert der ukrainischen Staatsangehörigkeit, und ist auch eine Frage an die Bewohner des okkupierten Donbass und der annektierten Krim, ob sie die russische oder »republikanische« Staatsbürgerschaft wirklich annehmen wollen.

Man muss auch nicht die russischen Horrorgeschichten glauben, dass die Ukraine nun ausbluten wird. Schon heute gibt es in Polen und Tschechien zwei Millionen Stellenausschreibungen für Ukrainer. Diejenigen, die ein Leben außerhalb der Ukraine anstreben, konnten dies bisher auch schon. Außerdem ist die Arbeits-Emigration heute kein rein ukrainisches Problem. Aus dem für unsere Verhältnisse sehr erfolgreichem Polen sind in den vergangenen Jahren vier Millionen Menschen ausgewandert. Aber Polen ist nicht zu einer Wüste geworden. In den vergangenen Jahren haben fünf Millionen Personen das »aufblühenden« Russland Putins verlassen. Durch die Möglichkeit zu reisen verliert ein Land nicht unbedingt geniale Köpfe oder geschickte Hände, wohl aber durch den Mangel an Freiheit und einem angemessenen Lebensstandard. Wie die europäische Geschichte zeigt, folgt das Zweite auf das Erste, wie die Perlen einer Kette.

Und ganz ehrlich, wir werden uns nicht verstecken, wenn wir nach dem Inkrafttreten der neuen Reiseregelungen die »gut gemeinten« Gratulationen von den Vertretern der Taiga-Union bekommen. Einmal hat ein weiser Zar das Fenster nach Europa geschaffen, welches heute superschlaue Führer mit Betonblöcken verschließen. Man muss sich besonders vor Augen halten, das Europa das »Land 404« nicht durch das Fenster eingeladen hat, sondern durch die offene Tür.

user: aitoff

Das Angebot an die Ukraine, den visafreien Reiseverkehr einzuführen, zeigt ganz deutlich, das sich das Rad der Geschichte nicht aufhalten lässt. Früher oder später wird die Ukraine Mitglied der NATO und der Europäischen Union sein. Und schon in wenigen Jahren werden die ukrainischen Grenzbeamten in die nervösen Gesichter der Bewohner von Brjansk und Rostov schauen, wenn sie nach dem Ziel der Reise fragen und die Vorlage der Rückfahrkarte verlangen.


Quellen

Autor Roman Lasorenko
Textquelle www.62.ua
Bildquelle https://pixabay.com
Übersetzer Thomas Bergmann