Warum bereitet sich Russland auf einen Krieg vor?

Eine Übersetzung des Artikels von Vyacheslav Gusarov, veröffentlich auf sprotiv.info.

Russland, das ist ein Land mit einem sehr gut ausgebauten Informationssystem für die Bevölkerung, welches immer weiter verfeinert wird. Wenn es notwendig ist, die Meinung der Menschen schnell zu ändern, werden die entsprechenden Meldungen schnell und effektiv in den entsprechenden Kanälen verbreitet.

Schauen wir uns verschiedene Informations-Kampagnen der russischen Medien im Jahr 2015 an, die zum Beispiel mit dem »chinesischen Vektor« und der Außenpolitik zu tun hatten, oder die aufkommende »syrische Kampagne« oder die Haltung gegenüber der Türkei. Alle Informations-Kampagnen hatten bestimmte Zielvorgaben von der russischen Regierung bekommen.

Die heutige Informations-Lage in Russland weißt alle Anzeichen zur Bildung einer neunen Doktrin auf – «Russland ist in Gefahr. Volk verteidige Russland«. »Russland ohne Feinde ist nicht Russland« – kann man schon als Mentalität ansehen, es hat eine lange Tradition.

Als Datum für die Formulierung dieser Doktrin können wird den 10.08.2016 ansehen, als der Präsident der Russischen Föderation eine Äußerung über die »sinnlosen Treffen der Außenminister im Normandie-Format« vor dem Hintergrund der verhafteten ukrainischen Diversanten auf der Krim machte«. Mit seiner Rhetorik stufte Putin die Ukraine als terroristischen Staat ein, wie auch die USA und die EU, die die Ukraine unterstützen.

Um die Doktrin in den Massenmedien zu verbreiten, wurden auch Aussagen bekannter Persönlichkeiten und Ergebnisse soziologischer Forschungen genutzt (Siehe Präferenzverfälschungen).

Die Chronologie der Ereignisse

In den vergangenen Monaten haben wir uns schon an die »militaristischen« Überschriften in den Veröffentlichungen gewöhnt:

  • 11. Oktober – im Kreml bezeichnete man die amerikanische Raketenabwehr als Bedrohung für die nationale Sicherheit Russlands;
  • 29. September – Eine Bestrafung des widerspenstigen Russlands: Das schizophrene Washington will gegen Moskau Atomwaffen scharfmachen;
  • 7. Oktober – die USA können die Stationierung russischer Truppen auf den Stützpunkten in Vietnam und auf Kuba nicht verhindern;
  • 9. Oktober – der russische Außenminister Lawrow beschuldigt Washington, die Sicherheit Russlands zu bedrohen;
  • 9. Oktober – die grundlegende Bedrohung: Warum Russland über eine Rückkehr nach Kuba nachdenkt;
  • 11 Oktober – Das ist eine direkte Bedrohung für Russland;
  • 16 Oktober – Das russische Außenministerium hat mit Sorge die Bedrohung der USA durch einen Cyber-Angriff wahrgenommen;
  • 18 Oktober – Eine Vorahnung des Krieges;
  • 19. Oktober– Putin: »Und jetzt Russland – das ist unser größtes Problem« und vieles mehr.

In diesem Zusammenhang muss gesagt werden, dass Berichte über die militärische Stärke Russlands in keiner Nachrichtensendung fehlen. Zum Beispiel wurde in der letzten Sendung »Neuigkeiten der Woche« (Anmerkung TB: »Wochenschau«) mit Dimitrij Kisilev ungefähr 1/3 der Sendezeit für Rhetorik des »militärischen Bizeps« genutzt.
Hunderte derartiger Veröffentlichungen in den vergangenen Monaten zeichnen ein deutliches Bild des Feindes, der womöglich schon seine Raketen gegen Russland in Stellung bringt. Die Aktivität und die Rhetorik der russischen Medien erinnert sehr stark an die Presse während des »Kalten Krieges« in den 1960-1970 iger Jahren.

Ein weiteres Merkmal für die Meinungsbildung der russischen Bürger, das der Staat bedroht ist, sind Veröffentlichungen von Untersuchungsergebnissen des zentralen Meinungsforschungsinstitutes Russlands. Wie sollte es auch anders sein, liefert das Institut die gewünschten Ergebnisse des Kreml. Diese Methode wird »Rating-Waffe« im autokratischen Russland oft empfohlen.

Umfragen in Russland

Als Resultat der aktuellen Untersuchungen des staatlichen Meinungsforschungs-institutes« glauben 64% der russischen Bevölkerung, das die Armee eine gute Schule für das Leben ist. Ungefähr 39% glauben, dass die Armee die Grundlagen für den Patriotismus legt. Hingegen denken 52%, das russische Offiziere Menschen mit hoher Moral sind. In der aktuellen angespannten Haushaltslage sagte jeder Zweite, dass Verteidigungsausgaben wichtiger sind als andere Dinge. Und 58% der russischen Bevölkerung glaubt, das eine positive Entwicklung der Rüstungsindustrie zu positiven Veränderungen in der russischen Wirtschaft führt.

Daraus leitet das  staatliche russische Meinungsforschungsinstitut die folgenden schlussfolgerungen ab:

  1. »Die Armee ist verantwortlich für die Verwendungsfähigkeit des Landes. Diese Aufgabe erfüllt sie effektiv. Sie ist die erste Adresse für die Ausbildung von Patrioten«;
  2. »Der militärisch-industrielle Komplex Russland soll nicht nur effektive Waffen produzieren. Sondern er ist eine der wichtigsten Säulen der wirtschaftlichen Entwicklung der russischen Wirtschaft. Daher müssen Investition vorrangig hier erfolgen«.

Wir müssen uns vor Augen führen, dass die Umfrage am 20./21. August 2016 in 130 Orten in 46 Regionen Russlands unter 1600 Personen durchgeführt wurde. Die Ergebnisse der vorliegenden Umfrage sind die logische Fortsetzung der Ankündigung Putins vom 10. August (siehe oben). Der Plan, eine neue Doktrin zu erzeugen, ist nicht zu übersehen.

Anders ausgedrückt, die Rhetorik über Russlands militärische Stärke hat schon zu dem gewünschten Ergebnis geführt. Darüber hinaus hat Russland nicht nur informelle Resonanz, sondern erlebt einen echten »militärischen Boom«.

Russlands Armee

Quelle: Pixabay User: WikiImages

Nach offiziellen Angaben des russischen Verteidigungsministeriums stieg die Zahl jener, die als Berufssoldaten in der Armee dienen wollen. Aus diesem Grund werden in den Städten weitere Stützpunkte aufgebaut. In der Armee wollen sogar Frauen dienen. Und das alle mit einer Inbrunst von Patriotismus, Mut, Verantwortung für das Vaterland, Militär-Romantik und der dergleichen.

Aber selbst die Zeitsoldaten sagen, dass die Armee mehr ein notwendiges Übel ist, als Pflichtgefühl. Vom Dienst erhoffen sie sich finanzielle Sicherheit, Sozialleistungen für Militärangehörige und eine Wohnung. Die Mehrheit der russischen Zeitsoldaten sind Bewohner des Hinterlandes, die ihre Arbeit verloren haben und Kredite nicht tilgen können.

Die Liebe zur Heimat hat ihren Preis

Die Liebe, die Heimat zu verteidigen, rutsch auf den zweiten Rang, wenn zwei Jahre in Folge (Oktober 2014 – Oktober 2016) die Realeinkommen der Bevölkerung sinken. Nach Angaben von RosStata erhöhten sich die ausstehenden Lohnzahlungen im September um 127 Millionen Rubel (3,6%) auf 3,658 Milliarden Rubel. Im Bezirk Wladimir haben sich Verbindlichkeiten zum Beispiel vervierfacht. In der Republik Baschkorostan sind sie um das Dreifache gestiegen, im Bezirk Jaroslawl um das 2,7-fache. In Nord-Osetien haben sich die Verbindlichkeiten auf ausstehende Löhne im vergangenen Monat um das 13-fache erhöht.

Weg mit Dir!

Quelle: Pixabay User: geralt

Das Levada-Zentrum sagt, das 41% der russischen Arbeiter mit verzögerten Gehaltszahlungen, 50% mit Gehaltskürzungen und 58% mit Entlassungen rechnen muss.
Mit anderen Worten, die objektive Meinung der russischen Experten ist, dass die Situation am russischen Arbeitsmarkt kaum verbessern wird. Die Dienstverträge mit der Armee sind eine Möglichkeit die sozialen Spannungen zu kompensieren.

Zurück zur angesprochenen Sommer-Umfrage. Die Umfrage wurde im Sommer durchgeführt. Warum wurden die Ergebnisse erst zwei Monate später veröffentlicht.

Hier gibt es einen Zusammenhang.

Die Doktrin »Russland ist in Gefahr. Bürger, verteidige Russland« diente der Unterstützung der Armee und zielte auf die Erhöhung der Militärausgaben ab.

Am 4. Oktober 2016 hat das Finanzministerium Russlands für den Haushaltsentwurf 2016 eine Erhöhung der Kosten des geschlossen teils (geheime Ausgaben) von fast 680 Milliarden Rubel vorgeschlagen und umgesetzt. Zum gleichen Zeitpunkt gab es im in der russischen Regierung Diskussionen über die Erhöhung der Verteidigungsausgaben und die Ausweitung des »geschlossenen Teils« im kommenden Jahr. Hier ist nur die entsprechende Agitation notwendig, die VZIOM lieferte.

Für das Protokoll: Der geschlossene Teil des Staatshaushaltes umfasst die Durchführung von Spezialoperationen außerhalb Russlands, geheime Entwicklungen und Erprobungen, Vorbereitung von geheimen Einheiten im Ausland, Waffenlieferungen an oppositionelle Kräfte im Ausland, Finanzierung radikaler Kräfte im Ausland und anderes. Dadurch das die Finanzierung dieser Vorgänge geheim ist, bleiben sie auch Experten und Behörden verborgen. Viele der Vorhaben würden vielleicht nicht genehmigt werden oder als unangemessen betrachtet werden. Zum Beispiel veröffentlich die Finanzbehörde Russlands über Unregelmäßigkeiten bei staatlichen Ausgaben. Bei geheimen Mitteln kann sie das nicht machen.

Mit anderen Worten, die russische Führung hat mit Hilfe von Propaganda die Militärausgaben und den geschlossenen Teil des Staatshaushaltes erhöht.

Die Schaffung und Verwendung der neuen Doktrin: »Russland ist in Gefahr. Bürger, verteidige Russland« hatte nur das Ziel, die Militärausgaben zu erhöhen und sie zu verbergen, wie auch in den kommenden Jahren.

Für die Umsetzung der Gedanken in die Praxis nutzt man Instrumente der Manipulation, wie regierungsnahe Medien, Experten, Vertreter der Regierung und auch Ergebnisse von soziologischen Untersuchungen, die vom Institut des Kreml durchgeführt wurden.

Krieg statt Frieden

Quelle: pixabay user: geralt

Parallel dazu wurde dem russischen Publikum auch ein großes Vertrauen in die russische Armee vermittelt, was die Anzahl der Bewerbungen als Zeitsoldat ansteigen, ließ. Gleichzeitig verschweigen die russischen Medien ausstehende Löhne in den Betrieben, Entlassungen und Kürzungen der Einkommen.


Quellen

Author Vyacheslav Gusarov, Informationen Sicherheit Expertengruppe CVPI »IS«
Textquelle sprotyv.info
Bildquelle pixabay.com
Übersetzer Thomas Bergmann